Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

§ 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde

73

als Heimat Isoldens und Morolds, Kornwall als Markes Reich, die Bretagnemit Loh(e)nois als Tr.s Vaterland, und das Reich des Havelin. 1

Die älteste Gestalt der Tristansage liegt im Dunkel. 2 Der ursprüng-liche piktische Drostan mag zu einem kymrischen Liebeshelden gewordensein, an dessen Namen einzelne Liebesabenteuer geknüpft wurden, die inkeltischen (zunächst wallisisch-kymrischen, dann bretonischen) Prosa- undVerserzählungen (Lais) verbreitet waren. Kymrische und bretonische Jongleursbrachten diese Fabeln zu den Anglonormannen und Franzosen. Aus der-artigen Quellen schöpften die französischen Spielleute Stoffe für ihre Lais.»Und so mochte Tristan auch zum Helden eines Feenmärchens, wie es obenin den Grundzügen entworfen wurde, in der Art des Lanval, Graelent, Guin-gamor, gemacht worden sein. 4

Mit der Zusammenfassung der beiden Urfabeln hat der Verfasser desältesten Tristanromans zugleich überhaupt erst die eigentliche Tristansagegeschaffen. Dieser Originaldichter war ein mit hervorragendem Erzähler-talent begabter und in den Mitteln seiner Kunst wohl bewanderter Spielmann.Er hat das Leben eines Minnehelden dargestellt in seinem ganzen Verlauf 5von der Geburt bis zum Tode und hat die vorgefundenen Stoffmassendurchtränkt mit dem Geist des französischen Rittertums seiner Zeit. Aberdamit hat er den Zauber eines Feenmärchens verwischt. Statt dessen hater einen Abenteuerroman aufgebaut, der durch bloßen Unterhaltungsstoffwirkte und durch eine Häufung von Trügereien und Überlistungen zuweilenan einen Schelmenroman streifen mochte, vergleichbar den Streichen Morolfsim Salman. 6 Das Problem der verbotenen Liebe psychologisch und mora-lisch zu ergründen hat er sich gar nicht gestellt, mit der Verzauberungdurch den Schicksalstrank war ihm der Konflikt genügend erklärt. Auchwar die Darstellung des Urtristan gewiß noch spielmännisch ungeläutert,wie auch noch die Estoire, Berol und Eilhart auf der Spielmannsstufe stehen.Zu einem hohen Kunstwerk mit zielstrebender Idee hat auch erst die ver-feinerte Technik und die veredelte Gesittung der folgenden Generation,haben erst die höfischen Dichter, Thomas und nach ihm Gotfrid, die alteTristandichtung erhoben.

Ethik. In der Tristandichtung entfaltet sich ein ritterliches Lebensbild

1 E. Brugger, ZffrSpr. 20, 79162.

2 RANKE,Trist.u.IsoldS.3ff. u.S.269-71.-Die kelt. Erzählung von Trist., der als Schweine-hirt verkleidet eine Liebesbotschaft an Essyltschickt, ist wohl erst entstanden, als Trist,schon eine bekannte Romanfigur gewordenwar.

3 Der Lai dou Chevrefeuil der Marie deFrance, der aus dem ältesten Trist.roman aus-gezogen wurde, ist ein Beispiel für eine frz.Verserzählung aus dem Kreise der Liebes-geschichten Trist.s.

4 Erweiterung eines frz. Lai zu einem Roman:Gautier's v. Arras Roman Ille et Galeron aus

dem Lai von Eliduc, s. Gröber, Grundr. S.526 f.,Voretzsch 1 S. 341. 380 f.; Schoepperle,Reg. S.573. Also nicht durch Vereinigungvon einzelnen fertigen Liedern (Liedertheorie,Heinzel, ZfdA. 24, 272-408, Singer aaO.),sondern durch Zusammensetzung von gang-baren Sagenmotiven, Novellen, Schwänkenist der Trist.roman entstanden, s. darüber bes.Golther, Sage u. Tristanb., Schoepperle,Singer aaO.

6 Als biographischen Roman faßt auchEilh. den Tristr. auf, V.9446 ff.

6 LG. II, 1, 313 ff.