§ 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 71
Narren —, die zweite ist das irdische Weib, das der Märchenheld nachseiner Rückkehr in das Menschenland freit). Die dritte Stufe, die Zurück-bannung ins dämonische Reich, ist das Ende: die Fee Isolde holt den ge-liebten Helden auf ihrem Zauberschiff ab. 1 Aber der Schluß ist in der Tristan-dichtung dem Bereich des Feenmärchens entzogen und ersetzt durch dieklassische Sage vom Segel des Theseus bzw. der Oenone. 2
Auch die zweite Urfabel, die Ehebruchsgeschichte, ist ein Erzählungs-stoff der Kelten, denn dieses Thema 3 war bei ihnen beliebt. In der Artus-sage kommt ein ähnliches Verhältnis zwischen Mordred, Artus' Neffen, undder. Guanhumara, des Königs Frau, vor, die ihm zur Hut anvertraut war. 4Auch im Lai von Lanval bildet das unerlaubte Liebesangebot von Artus'Frau an den Helden der Erzählung das Moment der tragischen Verwicklung. —Charakteristisch für die Anlage des Liebesromans von Tr. u. Is. ist der Schluß,wo das verstoßene Paar.in den Wald flieht. Dieser Ausgang deutet auf Zu-sammenhang mit den irischen Fluchtsagen, Aitheda, 6 wo die Liebendenaus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen in der Wildnis ein entbeh-rungsvolles Leben führen. —■ Eingeleitet wird der Ehebruchsroman im Tr.durch die Werbungssage, die hier noch einen eigenartig märchenhaften Zugaufgenommen hat, das Wandermotiv von der Fahrt nach der unbekanntenJungfrau. 6 Tr. gehört zu den ungetreuen Werbern: ein Fürst sendet einenVerwandten aus, um die Braut für ihn heimzuholen, aber dieser gewinntunterwegs ihre Liebe für sich selbst. 7 Wie die Werbung, so sind auch dieandern Abenteuer des verbrecherischen Liebesbundes zum geringsten Teilkeltischer Herkunft 8 oder gar Erfindungen eines selbstschöpferischen Dich-ters, sondern weitverbreitete Erzählungsstoffe und sind auch anderweitsnachgewiesen, so z.B. die Drachensage, 9 der Liebestrank die untergescho-bene Braut, 10 der. Mordanschlag auf Brangäne im Walde (= Genovefa),die Wolfsfalle, die Verkleidungen Tr.s. Einige dieser Geschichten sind auchin die irischen Fluchtsagen eingewoben und aus diesen in die Tristan-
1 Das Ende des Romans, da beide Liebendezugleich sterben, steht insofern in Einklang mitder Schlußformel des vorausgesetzten Feen-märchens, als nach diesem beide zusammenzum Totenreich zurückfahren mußten.
2 Qolther, Sage S. 25 ff., Tristanb. S. 20 ff.Zum Treusymbol der Verschlingung von Roseu. Rebe (Eilh. 9510 ff.) s. Koberstein, Weim.Jahrb. 1 (1854), 73—100 u. Vermischte Auf-sätze, 1858, S. 31—62; R. KöHLER.Weim.Jahrb.1, 471—83 u. Kl. Sehr. 3, 274 ff. — Der senti-mentale Schluß, gemeinsamer Tod der Lieben-den, auch in der oriental. Fabel: s. Singer,Preuß. Ak. aaO.
3 Häufig auch in afrz. Romanen u. in mittel-alterl. Erzählungen u. Schwänken.
4 BeiGalfrid v.Monmouth, s. Qolther, Tri-stanb. S. 33 f.
5 Siehe Schoepperle S. 395 ff. u. Reg. S. 569;Ranke S.l ff.; Diarm. u. Grainne ist auch beiTegethoff, Märchen, Schwanke u. Fabeln,
Buch. d. MA.s IV, 1925, 66—75 erzählt. Aehn-lich, aber nicht historisch verwandt, die Ent-führungsgeschichte in d. persischen Liebes-roman von Wis u. Ramin, s. Zenker aaO.
6 R. Köhler, Germ. 11, 359—406 u. wiederabgedr. Kl. Sehr.; Golther, Sage S. 15 f.;Schoepperle S. 17 f. u. Reg. S.587 (quest ofprincess); Bolte-Polivka 3, 18—37.
' Ermenrich-Swanhildsage, Herbortsage, vgl.Dorsch, Zur Herbortsage, Leipz. Diss. 1902;CurtTeubner, Die Edgarsage u. ihr Verhält-nis zur Ermenrich- u. Trist.sage, Hall. Diss.1915.
8 Schoepperle bes. S. 186 ff.; Loth, Revuecelt. 33, 403 ff. 34, 365.
9 BOLTE-POLiVKA 1, 548.
10 P. Arfert, Das Motiv v. d. untergescho-benen Braut usw., Rost. Diss. 1897; R. Köh-ler, Kl. Sehr. 2, 293 ff.; HlLKA, 90.Jahresber.d.Schles.Ges. f. vaterld.Cultur 1913; Bolte-Polivka 1, 85. 2, 277. 3, 42. 443-50.