§ 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 69
erzählung (ca. 1000 V.) von Tristans Narrenverkleidung, La Folie Tristan,vom Ende des 12. Jh.s; und aus Thomas sind ausgezogen das englischestrophische Gedicht vom Sir Tristrem, Anfang 14. Jh.s, und einige Kapiteldes italienischen Prosaromans La Tavola ritonda, um 1300. Eilharts Tristrantaber benutzten die Fortsetzer Gotfrids, Ulrich v. Türheim und Heinrichv. Freiberg, die tschechische Übersetzung und der deutsche Prosaroman. —Vom König Marc und der blonden Iseut hat auch Chrestien de Troyes inseiner Frühzeit ein Gedicht verfaßt (Roman oder Liebesnovelle?), das ver-loren ist. Über den Tristan eines picardischen Dichters des 12. Jh.s mitdem Namen la Chievre (li Kievres) ist uns nichts weiter bekannt. 1 ChrestiensErzählung von Mark und Isolde ist nicht auf uns gekommen.
In der Estoire, besonders bei Berol und Eilhart, aber auch noch beiThomas und demnach bei Gotfrid, ist die Entstehungsweise des Ur-gedichts noch deutlich sichtbar: die einzelnen Bestandteile des Stoffes sindnicht zusammenhänglich ineinander verarbeitet, sondern lose aneinander-gereiht, mosaikartig zusammengesetzt. Sie sind entnommen dem durch diemittelalterliche Fabulierungslust gedächtnismäßig oder schriftlich überliefertenErzählungsbereich von orientalischen und abendländischen Märchen undNovellen, die wichtigsten aber und die das Gerüst bauen, sind keltischenUrsprungs. Eben diese episodenhafte Struktur ermöglicht, die einzelnenElemente auszuschälen und historisch zu verfolgen. Demnach ergibt »sichfür Eilharts in der Bearbeitung X vorliegenden Tristrant und entsprechendfür die Estoire folgende Zusammensetzung des Inhalts:
Prolog 1—53. Verwahrung gegen die mißgünstigen Hörer 1 — 30; Inhaltsangabe 31—53.
I. Vorgeschichte 54—350. Tristrants Jugend. Tristrant Sohn Riwalins u. d. Blancheflur,der Schwester König Markes v. Kornevales; sie stirbt bei der Geburt Tr.s; er wird von demKnappen Kurneval erzogen.
II. Tristrant und Isalde.
A. Der Zweik ampf m itMorold 351—1011 und die Heilungsfahrt Tr.s zu Isalde 1012—1296.
B. Die Liebesgeschichte 1297—4494. a) Die Brautfahrt für Marke 1297—2724: 1. Die Wer-bung um Is. 1337—1597; 2. der Kampf mit dem Drachen 1598—2263; 3. der Liebestrank2264—2724. — b) Die Liebesabenteuer 2725—4994: 1. Die untergeschobene Braut 2725—2862; 2. der Mordanschlag auf Brangäne 2863—3080; 3. das belauschte Stelldichein an derQuelle3081—3791; 4. die verräterischeMehlstreu (Entdeckung des verbotenen Liebesumgangs)3792—3965; 5. das Gericht 3966—4092, Tristrants Flucht 4093—4242, Isaldens Bestrafungdurch Preisgabe an die Aussätzigen 4243—4330; 6. Flucht u. Waldleben 4331—4701; 7. dieTrennung der Liebenden (des Minnetrankes Kraft ist geschwunden, Vermittlung des Klaus-ners Ugrim zwischen Tr. u. Marke, Is. kehrt zu Marke zurück, Tr. wird verbannt) 4702—4994.
u. SA. — Die isländ. Tristanballade s. RankeS. 262 ff. 275. — Die Meistergesänge des H.Sachs s. Ranke S. 254 ff. 275 (nach d. dt.Prosaroman).
1 Zahlreich sind in der afrz. Lit. die An-spielungen auf die Liebe, die Liebestreue, dasLiebesleid von Tr. u. Is., meist in Bezug aufThomas'Gedicht, s. Bedier I 57 ff. 397 ff., woweitere Lit.; Golther, Tristanb. S. 210—17.Die früheste Erwähnung von Tristan u.Yzeut
la blonda findet sich in e. Liede des Truba-durs Bernhard v. Ventadorn 1154 (?), s. bes.Schoepperle S. 112—15. Veldeke beruft sichseiner Dame gegenüber auf den LiebestrankTristrants, in Nachahmung eines afrz. Minne-liedes, s. MF. 58,35-59, 6; Vogt, MF. 3 S.63u. Anm. S. 338, vgl. MF. 112, 1—4, VogtS. 128 u. Anm. S.376.2 Siehe unten Gotfr. v. Straßburg.