64 Die erzählende Dichtung
zeigt den „Übergangsstil" von der älteren Freiheit zu der neu gefordertenRegelmäßigkeit. Überlange Verse oder zu kurze sind verschwunden; schwereSenkungsfüllungen sind selten, viele Verse lassen sich mit regelmäßigemWechsel von Hebung und Senkung lesen. Die Reime sind zu 85°/o rein,die Assonanzen sind meistens leichterer Art.
Während im Grafen Rudolf das Schicksal der führenden Person zwischenKampf und Minne geteilt ist, sind der Floyris und der Tristrant ausgespro-chene Liebesgeschichten. Von den zwei berühmtesten Liebespaaren des MA.serzählen diese beiden ersten minnelichen Romane, von einem glücklichen,Flore und Blancheflur, und von einem unseligen, Tristan und Isolde.
§ 13. Der Trierer Floyris
Ausg.: Steinmeyer, ZfdA. 21, 307—31, dazu Bartsch, Germ.26, 64 f. Die Literatur überdie Sage von Flore und Blancheflur und die verschiedenen Fassungen s. unten bei KonradFlecke; für den Floyris: Herzog, Germ. 29, 137 ff. (bes. S. 189—92); J. Reinhold, Floireet Blancheflor, Paris 1906, S. 16—20; Ernst, QF.118 (1912), S. 11; O. M. Johnston, Originof the legend of Floire and Blancheflor, Leland Stanford Univers. 1911.
Hs.: Bruchstücke der Trierer Stadtbibliothek von der gleichen Hs. wie der Trierer Sil-vester und Aegidius (Bd. II, 1, 152—55), Ende des 12. Jh.s. Erhalten sind ca. 368 Zeilenganz oder teilweise, das vollständige Gedicht mochte etwa 3700 Verse umfaßt haben. Ent-standen ist es am Niederrhein 1 um 1170. Der Dialekt der Hs. ist ndrh. mit Einmischunghd. Laute.
Die Geschichte von Flore und Blancheflur, Blume und Weißblume, istein Liebesmärchen: zwei Kinder, die von erster Lebensregung an zusammen-gehören, in allen Trennungsnöten und Todesgefahren nicht voneinanderlassen und durch Liebesleiden und Liebesfreuden zum Glückslohn dauern-der Vereinigung gelangen.
Romantische Liebesabenteuer wie die des kindlichen Paares waren nachdem Geschmack einer Zeit, in der sich von der Spielmannsweise der Hof-ton abhob. Heimliche Minne, vereitelte Entführung, Entdeckung, Verurteilungzum Tode, List und Personenverstellung: es sind beliebte Züge von derSpielmannsdichtung her, wie im König Rother und im Salman. Ganz demZeitinteresse entsprach auch der äußere Rahmen: der Schauplatz im Abendlandund überm Meer im Orient, Feindschaft und friedlicher Verkehr zwischenChristen und Heiden, Liebe zwischen Heiden- und Christenkind (Flore —Blancheflur), zuletzt die Taufe des Helden.
Die Quelle war ein, uns nicht überliefertes, afr. Gedicht, das, wie es scheint,ziemlich genau wiedergegeben ist. 2 Die Sage ist arabischen Ursprungs. 3
Die Erzählungsweise hat noch etwas altmodisch Einfaches, in klarerSprache und kurzen Sätzen schreitet die Darstellung ohne Verweilen vor-wärts, fast nur das Sachliche berücksichtigend, zurückhaltend mit seelischem
1 Nach Kalff, Geschiedenis d. nederl. Letter-kunde 1 (1906), 34 in Limburg; Franck, DLZ.1906, 2503: „limburgische Version".
2 Herzog, Reinhold aaO. Fremdwörter ausder franz. Vorlage: Steinmeyer S. 317; Bae-
SECKE,DieWestmark(1920),367. Lateinisches:Grünewald, Die lat.Einschiebsel, Gott. Diss.1908, S. 36.3 Zur Sage s. Flecke, LG. II, 3.