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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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62 Die erzählende Dichtung

in der Verkettung der Umstände liegt, ist nicht ausgenutzt: ein junger Ritterzieht mit voller Begeisterung aus zum Kampf für den Glauben, er wird vondiesem seinem sittlichen Ziel abgedrängt und kämpft gegen seine eigenenGlaubensgenossen. Der tragische Zwiespalt, der in dem Konflikt mit derÜberzeugung liegt und nach unserm Empfinden das ethische Zentrum seinsollte, wirkt nicht mit; eine Rechtfertigung im mittelalterl. Sinn mag darinbestehen, daß der Ritter seine Geliebte für das Christentum gewinnt. DerÜbergang zu den Heiden freilich und damit wird der Riß gemildert isteine rein äußerlich politische Handlung und nicht ein Abfall vom Glauben,das Königtum Jerusalem und das Sarazenenreich standen sich am Endedes 12. Jh.s in erster Linie als politische Mächte gegenüber. Es ist nurein Wechsel im Herrendienst.

Aber auch wenn die erhabene Tragik eines sittlichen Seelenkampfes demDichter nicht vorschwebte, er läßt seine Menschen ein leidvolles Geschickdurch-kosten. Mit der Liebe beginnen die Leiden, das Weh der Trennung, die Not desKerkers, die jammervolle Erniedrigung des Flüchtlings, der Tod des Freundes.

In dem Helden ist ein ritterliches Lebensideal gezeichnet, der Typusdes höfischen Ritters in frühhöfischer Zeit: er war ein Spiegel aller Tugenden(D b 6), er war zv rechte houisch (D b 10).; ihn erfüllt ein hohes Streben, dessenInbegriff die Ehre ist (nach eren werben F b 8), getragen von sittlichen Mächten,dem Mannesmut und der Minne, der Frömmigkeit und der Treue, gekleidet inschöne, maßvolle Formen. Den Mann ziert Tüchtigkeit, die Frau reine Weib-lichkeit (J b 17). Feine Sitte regelt das gesellschaftliche Leben und errichteteine Scheidewand zwischen den Gebildeten und den Bäuerischen, zwischender edelicheit und der dorpericheit (A2). Der Verkehr wird verschönertdurch die Frauen; heimliche Minneblicke werfen sie auf den fremden Ritter,der stolz und in edlem Anstand in den Königssal tritt (D b 1 ff.). Frauen-liebe ist der köstlichste Besitz, die Minne.aber ist ein Zwang, eine heißeNot (E), und doch nähmen sie das große Königreich nicht dafür als Ent-gelt (J b 16, vgl. MF 4, 17 ff. 5, 23 ff.). Naiv ist das Verhältnis der Liebendenund hat noch nicht die konventionelle Form des Minnedienstes. DieTreue ist auch hier ein höchster Lebenswert, die Treue zur Gattin, zumGefährten, aber das Treuverhältnis zwischen dem Herrn und dem Vasallenist verletzt (der tragische Wendepunkt), so daß Rudolf von seinem ehemaligenKönig der unträwe beschuldigt wird (E b 16).

Daß in einem Kreuzzugsgedichte viele religiöse Beziehungen vorkommen,ist im Stoff begründet. Über die bloß werktätige Rechtgläubigkeit des Almosen-gebens und des Bußgelöbnisses (G b 515. 23 f.) erhebt sich ein inneresFrommsein in des jungen Rudolfs religiöser Begeisterung für den Kreuz-zug (a) und in der christlichen Nächstenliebe des barmherzigen Pilgers (H b ). x

1 Mit der missetät Rudolfs (G b 24) ist nicht gemein menschliche Sündenschuld; ebensoetwa die spezielle Schuld seines Uebergangs ist die svnde Irmengards (G b 13) zu beurteilen,zu den Heiden gemeint, sondern seine all-