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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 12. Graf Rudolf 61

sind maßvoll begrenzt und gehen bald wieder in Handlung über. Durchwenige Striche werden die Personen individualisiert: beim Empfang derGesandten von Jerusalem ruft der Papst nur die kurzen Worte des latei-nischen Bußpsalms aus ,pater de celis, miserere nobis' (ß). Die Frömmig-keit Rudolfs wird nicht etwa in einer geistlichen Auseinandersetzung be-schrieben, sondern drückt sich sinnfällig aus durch Tränen und in einemheißen Bittgebet zu Gott und der Jungfrau (a). Abwechslungsreich mitspannenden Momenten verläuft die Belagerung von Ascalon 3O). Denzu Tode mißhandelten Rudolf sehen wir, wie er unter schwersten Mühsalenaus dem Kerker entflohen 4urch den Wald kriecht, wie er mit seiner zartenweißen Hand den Tau vom Grase schöpft, um den brennenden Durst zustillen, wie er, der vornehme Herr, das Stück Brot von der Straße aufliest,das der Knecht eines Abtes weggeworfen hatte, weil es ihm zu schlecht war.

Die'Personen 1 scheiden sich zufolge der historischen Lage in Christenund Heiden. Doch ist mit dieser Trennung als Spieler und Gegenspielernicht zugleich auch ein sittlicher Abstand, ein Gegensalz von Gut undBöse, verbunden. Ritterehre verpflichtet beide Teile in gleicher Weise undaus der chevaleresken Standesanschauung erwächst gegenseitige Achtung.Eine humane Gesittung der Toleranz 2 waltet gegen die Heiden. Ihr KönigHalap ist sympathischer gezeichnet als der christliche König Gilot. Großmütigverweigert er die Auslieferung des zu ihm geflohenen Rudolf: würde erihn gebunden wie einen Hund zurücksenden, so wäre er selbst wert, mitSchimpf und Schande an einen Baum gehangen zu werden. Der geistlicheDichter des Rolandslieds betrachtet noch die Heiden von seinem kirch-lichen Standpunkt aus als Glaubensfeinde und darum als eine moralischniederere Klasse, die zu vertilgen ist, aber im Laufe des 12. Jh.s hatte sicheben durch die Kreuzzüge ein internationales Rittertum gebildet, das dieGegner nach seinem Ideale, der Ehre, einschätzte (s. Wolframs Willehalm).

In der Wendung allerdings, die der deutsche Dichter dem Abenteuer-roman durch Anknüpfung an die Kreuzzüge gegeben hat, liegt der unüber-brückbare Gegensatz zweier Welten, das Ringen des Gottesstaates mit demWeltstaat. Eine hohe Zweckidee ist hier ausgesprochen: die Förderung derhistorischen Menschheitsentwicklung zum Ideal des Gottesreiches, und derHeld tritt selbst aktiv in die Weltgeschichte ein. Aber der deutsche Umdichterhat, durch die Überlieferung gebunden, diese Kreuzzugsidee verlassen und dieweiteren Handlungen Rudolfs wurden durch Einschwenken in die Empörer-sage zu einer Liebesgeschichte, einer persönlichen Sache. Eine ideale Auf-gabe war ihm gestellt, aber er führt sie durch Haften an seiner Quelle,also aus einem technischen Zwang, nicht zu Ende. Es kommt damit zueinem Riß in der inneren Entwicklung des Helden. Die tiefe Tragik, die

1 Ethischer Gehalt: W. Grimm S. 51 ff.;Scherer aaO. Fürstenerziehung: Peter-sen, Joh. Rothe S. 147.

J Naumann, Festschr. Ehrismann S. 89;Schneider, Merk. Reallex. 2, 140.