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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

allerdings vielleicht ebenfalls in Anlehnung an fremde, lateinische oderfranzösische, Quellen. Aus Geschichte und Erfindung ist ein historischerGegenwartsroman zusammengestellt, die Ideen der Zeit verdichten sich ineinem Einzelschicksal. Die mächtigste Bewegung des Mittelalters, die Kreuz-zugsbegeisterung, gibt den Anstoß, aber den Schluß macht eine Liebes-geschichte mit Reiseabenteuern. Vom Weltgeschick zur privaten Angelegen-heit, vom Glaubenskampf zum Minnesehnen, vom Gottesstaat zum Erden-verlangen geht die Entwicklung. Danach teilt sich der Stoff in historischeund fabulöse Szenen, in Kreuzzugsereignisse und Liebesleben. Das charak-teristische Motiv des ersten Teiles ist die Empörersage, der selbstherrischeVasall, der sich gegen den Herrn auflehnt, Rudolf gegen den König vonJerusalem wie Ernst gegen den Kaiser Otte. 1 Den Inhalt des romanisch-fabulösen zweiten Teils bildet eine Entführungsgeschichte, also das üblicheSpielmannsthema (Bd. II, 1, 287), aber in einer bestimmten Abart, nämlichmit Trennung und Wiedervereinigung der Liebenden, dem Leitmotiv desbyzantinischen Romans (s. unten Floyris). 2 Unter den Enlführungsgeschichtensteht am nächsten der Orendel (Bd. II, 1,337 ff.), gleichfalls ein historischesBild der Glaubenskämpfe im Königreich Jerusalem.

Die Füllung des Stoffes bilden die historischen und die höfischen Bestand-teile: weit ausgeführt sind Kampf (F b ) und Belagerung (<5), Fest, Beratungenund die Liebesszenen. Detaillierende Nebenzüge: 3 Die Mutter rüstet demausziehenden Sohne die Gewänder (a b ), wie Siglind dem Sigfrid (Nibel.Str. 64 ff. Lachm.; vgl. Baesecke, Münch. Oswald S. 270); der Roßdiebstahl(B, s. auch A b ); die Kriegslisten (CO. F), vgl. Kaiserchron. 14933 ff., Alex.2950f.; die Herrlichkeit des Kaisers (D b ), = Rol. (Bartsch) 625 ff. 1788 ff. (vgl.W. Grimm S.45 ff.); Fürstenlehre (y b ); Pilger auf der Landstraße (H), wie imSalman (Bd. II, 1,319); Ruhe auf der Flucht (K. K b ), = Waltharius 1150 ff.;Heldentod eines jungen Freundes und Klage (K b ), = Vivians in WolframsWillehalm 25,1 ff. 60, 21 ff.

Indem der deutsche Dichter die Ereignisse auf den Boden der Geschichtestellte, hat er dem Stoff nicht nur einen tieferen Gehalt verliehen, sondernauch eine bestimmtere innere Form. Mit der Historisierung des Inhaltshängt zusammen eine schärfere Ausprägung in der Auffassungs- undDarstellungsweise der Dinge. Der Stil des Gedichtes ist realistisch, klarund deutlich ist die Zeichnung. In fest umrissenen Formen bewegt sich,leicht mit Reden, auch lebhaftem Dialog abwechselnd,* die Handlung, lebendigund doch ruhig, ohne Weitschweifigkeit vorwärts schreitend, wobei jeneEinzelzüge eben die Fülle des Lebens erhöhen. Schilderungen und Reden

1 In der afr. Heldenepik ist der mit dem zantin. Zwischenstufe: Deutschbein S.194ff.Königtum in Fehde liegende Feudalherr einebekannte Figur, s. unt. Wolframs Willehalm.

2 HEiNZEL.Anz.il, 129; Burdach, 44. Phil.-vers. zu Dresden 1897, S. 2831. Bezie-hungen des Boeve zur persischen Sage: Sette-gast, Qalloroman. Epik S. 282 ff. 338 ff.; by-

197 ff. 208f. 254f.; Bezieh, zur Ernstsage s.oben.

a W. Grimm S. 46.

* Schwarzkopff, Rede u.Redescenen S.43.53.