§ 12. Graf Rudolf
59
D b 36 wird erwähnt, daß der Inhaber des Reichsschenkenamts die Königs-krone trage; ein König als Schenk war in der in Frage kommenden ZeitWladislaw II. von Böhmen, der 1173 starb. 1 Auch Reimtechnik und Stilpassen für diese Jahre.
Inhalt: Der Held, ein junger flandrischer Ritter, Graf Rudolf vonArras, zieht, von dempäpstlichen Aufruf zur Befreiung des heil. Grabes begeistert (Fragm. ß a), nach Palästina undbesiegt als Heerführer des christlichen Königs Gilot die Heiden, die Ascalon eingenommenhatten (B—AC). Aber er entzweit sich mit dem König von Jerusalem (der Grund ist in denBruchstücken nicht enthalten), tritt in die Dienste des Heidenkönigs Halap (= Sultan vonHalapia, Aleppo) und kämpft nun gegen seine Glaubensgenossen.'Aufs neue wendet sichsein Geschick. Die Minne erfaßt den christlichen Ritter und die heidnische Königstochter(E—F). Wieder ist der Faden der Erzählung durch eine Lücke in der Überlieferung unter-brochen — die Liebenden scheinen aus dem Heidenlande geflohen zu sein. Wir treffen diePrinzessin am Hofe des Königs von Konstantinopel (G. G b ). Sie ist Christin geworden(Irmengard) und hat die Werbung des Königs zurückgewiesen. Rudolf entkommt schwerverwundet aus einem Kerker und gelangt unter vielen Mühsalen zu seiner Geliebten nachKonstantinopel (G b —J b ). Von dort entfernen sie sich heimlich [um in Rudolfs Heimat zuziehen]. Unterwegs neue Abenteuer. Sie werden von Räubern überfallen. Im Kampfe wirdsein Reisegefährte, sein Verwandter, der treue Bonifait, getötet. Hier bricht das letzte Frag-ment ab (K. K b ).
Quelle 2 für die zweite Hälfte der Bruchstücke (E u. ff.), also abgesehenvon fast allem, was zu dem Kreuzzug und den Vorgängen in Palästinagehört, ist die in mehreren Fassungen erhaltene afrz. (anglofrz.) Chanson degeste (Volksepos) von Boeve de Hanstone. Von der Liebesgeschichte (E)an entspricht der Verlauf in allgemeinen Umrissen dem des französischenGedichtes, stellenweise sind auch augenfällige Einzelzüge entlehnt, so einPferdediebstahl, Details aus der Flucht Rudolfs und der beiden Liebenden,auch Namen (Beatrise, Dienerin der Königstochter, = Pietris im Boeve;Bonifait = Bonnefoy; Irmengard = Ermenjart). Aber der deutsche Dichterhat sich doch große Selbständigkeit gewahrt, vor allem hat er einen ganzandern Eingang geschaffen, indem er die abenteuerliche Jugend Boevesdurch die Kreuzzugsszenen ersetzte. Das beruht auf einer andern Auf-fassung des Lebens: der französische Roman schwelgt in der Lust amFabulieren, der deutsche Umdichter formt die Stoffmasse zu höherer Ge-stalt, zu einem Zeitgemälde. Er hat dem Phantasiegebilde des Abenteuer-romans das historische Gepräge einer Kreuzzugsepisode verliehen, dieses
1 W. Grimm S. 43 f.; v. Sybel, Zf d A. 2,235 ff.;Steinmeyer, MSD. II 3 S.XL; Paul, Beitr. 3,393; BethmannS. 111—13; Helm aaO.
2 Heinzel, Anz. 11, 129 f.; Singer aaO.;Bethmann S. 85—102; Grübers Grundr.S. 512 f.; Voretzsch l S. 438 f.; Deutschbein,Studien S. 191 ff. 263, auch 32. 34. 45—47.126 f. 168; Alb.Stimming, Derfestländ.Buevede H., Bd.2, 1920. — Man hat das Urbild desGr. Rud. in dem franz. Grafen Hugo v. Puisetfinden wollen, der etwa 1127 nach Palästinakam, dort sich aber mit dem König Fulcov.Anjou überwarf, zu den Sarazenen in Asca-
lon (das erst 1152 nach mehrjähriger Belage-rung von den Christen eingenommen wurde)überging und mit Erfolg gegen das Reich vonJerusalem kämpfte, sich aber dann wieder mitFulco verglich und ins Abendland, nach Apu-lien zurückkehrte (v. Sybel aaO.; W.Grimm 2S. 40 ff.; Bethmann S. 102—111). SolcheSchicksale mögen, in der Erinnerung bzw.schriftlich fortlebend, dem Kern der Kreuz-zugsgeschichte im Gr. Rud. zugrunde liegen;ob gerade diese vom Grafen von Puiset er-zählten, ist fraglich.