56
Die erzählende Dichtung
Das Bänkelsängerliedist in zwei Fassungen überliefert: a Das längere Lied von 89 Strophen,b das kürzere Lied, eine verkleinerte Bearbeitung von 55 Strophen, 2 imsog. Dresdener Heldenbuch, dem Heldenbuch des Kasper von der Ron(1472). 3 Die Strophe, Herzog Ernsts Ton oder Bernerweise genannt/ weilsie in einigen Gedichten aus dem Sagenkreise von Dietrich von Bern vor-kommt, besteht aus 13 Zeilen in der Reihenfolge aab ccb, de de, f Waise f.Die Reime sind im Ganzen rein, die Sprache und die Behandlung desVersbaus weisen auf eine den erhaltenen Quellen weiter vorausliegender Zeit,etwa auf den Anfang des 14.<Jh.s. Der Verfasser war am Mittel- oderNiederrhein zu Hause. Er hat aus der lebendigen Volksüberlieferung, nichtaus einer schriftlichen Vorlage geschöpft. Als Spielmann verrät er sichdarin, daß er seine Zuhörer mehrfach auffordert, ihm einen Trunk zu ge-währen.
Von der historischen Ernstsage enthält das Lied wenig mehr, in derHauptsache erzählt es die Reiseabenteuer. Ernst rettet die indische Prin-zessin von den Kranichschnäblern, zieht mit ihr nach Indien zu ihrem Vater,heiratet sie und wird König von Indien. Nach dem Tode Friedrichs wirder dessen Nachfolger als Kaiser von Deutschland. So wurde der Verbannungs-zug des Helden, der in der ursprünglichen Anlage der Sage nur eine Episodeinnerhalb seines Lebenslaufes bilden konnte, zum herrschenden Gegenstandder Erzählung. Und eben auf dem nämlichen Grunde beruht überhaupt dieaußerordentliche Beliebtheit des Stoffes: nicht als Volksheld, der er ursprüng-lich gewesen war, lebte Ernst in der Erinnerung der Jahrhunderte fort,sondern als kühner Orientfahrer, als ein zweiter Alexander d. Gr. Wie derinternational gefeierte Welteroberer, so drang hier ein deutscher Fürst indie wunderbaren Geheimnisse des Morgenlandes. Ernsts Taten hatten damitvor denen Alexanders noch den Reiz des Heimisch-Verwandten, der größerenräumlichen und zeitlichen Nähe voraus.
Schon frühe wurden Motive aus dem Abenteuerzug Ernsts auf Heinrichden Löwen und dessen Fahrt ins heilige Land übertragen, 6 besonders ausführ-
1 v. d.Hagen S. XVIII f.; Haupt S.290—93;Bartsch S. LXXIX—LXXXV, abgedr. S. 187bis 213, dazu Anm. S. 214—25; Sprenger,Germ. 37, 440.
2 Siehe Hügel, Beitr. 4, 476.
3 Das ältere, längere Lied ist erhalten in einerDresdener Hs. aus der 2. Hälfte des 15. Jh.s(hgb. von Rich. Hügel, Beitr. 4, 476—99),einem, jetzt verschollenen, Erfurter Druck v.J. 1500, einem Nürnberger Druck der Kune-gund Hergotin (veröffentl. von HAUPT, ZfdA.8, 477—507), einem Druck aus dem 18. Jh.,wovon ein Exemplar in Basel, ein anderes inBurgdorfinderSchweizsichbefindet(STiCKEL-BERGERaaO.); s. auch G. Hüsing, FrankfurterBücherfreund 1903, III S.57. — Das jüngere,
kürzere Lied ist abgedr. in v. D. Hagens u.Primissers Ausg. von Kasper v. d. Ron, Dt.Ged. d. MA s II, 2. Teil (1825), 227-33.
4 Siehe Bartsch S. LXXIX f.; Franz M.Böhme, Ad. Liederbuch S. 22. 772; Saran,Verslehre S.296L; Kauffmann, Metrik §89.
6 Bartsch S.CIX—CXXXIX; Walther See-hausen, Michel Wyssenherres Gedicht. . .,Germ.Abh.43 (1913), LG. II, 1,298; s. bes.Seehausen S.34 ff.; die sog. „Braunschweig-sage", die in einer Reihe von kürzeren Be-arbeitungen u. Liedern verbreitet war, dazu,ScHNEiDER,Anz.38,150—53 u. Merkers Real-lex. 2,135 f., Helm, Lbl. 1915, 189—92, Zen-ker, Ivainstudien S. 163 ff.