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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 11. Herzog Ernst 55

In einer dritten Gruppe lassen sich die spätmittelhochdeutschen volks-tümlichen Bearbeitungen der Ernstsage zusammenfassen.

FiDer deutsche Prosaromanist eine Übertragung der lateinischen Prosa C. Er ist handschriftlich über-liefert als Übersetzung des vorangegangenen lateinischen Textes C in derMünchener, aus Augsburg stammenden Hs. Cgm. 572. Aus dieser Hs. rührtder älteste Druck her, von dem dann wieder die folgenden Ausgaben ab-gedruckt wurden. 2

Der Verfasser nennt sich nicht. Aus seiner Kenntnis der Bibel und derkirchlichen Literatur geht hervor, daß er ein Geistlicher war. Dialekt undHerkunft der Hs. weisen auf Augsburg. Dort ist die Übersetzung wohlam Anfang des 15. Jh.s verfertigt worden. Es ist eine ziemlich genaueÜbertragung des lateinischen Originals, die schwülstige Sprache ist bei-behalten, auch der Vers- und Reimschmuck ist nachgebildet. Die Reimprosa, "auch die lateinischen Verse, hat der Übersetzer allerdings oft nicht erkannt,auch die klassischen Zitate hat er nicht mehr recht verstanden.

Wie viele der deutschen Prosaromane, so machte auch die History ainsedeln fürsten Herzog Ernsts von Bairn und von Österreich 3 eine absteigendeEntwicklung durch: aus einer Lektüre der höheren Gesellschaft wurde siezum eigentlichen Volksbuch für die einfachen Leute, die HandwerkerundBauern. Der Umfang wurde um ein Drittel gekürzt, der Ton nahm niedrigere,derbere, prosaischere Formen an, die ritterlich-höfischen Schilderungen vonKämpfen und Festen, die klassischen und gelehrten Beigaben fielen weg.Mit dem Übergang vom Prosaroman zum Volksbuch ging auch eine Ver-schlechterung der Ausstattung Hand in Hand: der alte, solide Foliodruckwurde verbilligt zu einem unscheinbaren Oktavheftchen. Die Umwandlungzum Volksbuch geschah in der Mitte des 16. Jh.s,* und noch am Anfangdes 19. Jh.s wurden Neuauflagen veranstaltet. Nachdem die Romantiker(Tieck, Görres) die Volksbücher wieder für die Literatur entdeckt hatten,wurde auch der Herzog Ernst in die neueren Volksbüchersammlungen(Schwab, Marbach, Simrock) aufgenommen. Die schönste Frucht der Zu-wendung der Romantik zum Volksbuch vom Herzog Ernst ist UhlandsTrauerspiel Ernst, Herzog von Schwaben(1817), in dem dieser wunder-sam sinnige Kündiger deutschen Gemütslebens den tiefsten Inhalt der altenVolkspoesie geoffenbart hat, die Treue:Rühren wird es spät noch jedesHerz, wenn man die Kunde singet oder sagt vom Herzog Ernst undWerner, seinem Freund, von ihrer Treue, die der Tod bewährt."

1 v.d.Hagen S. XVI ff.; Bartsch S.LXXIILXXVIII, abgedr. S. 227305, dazu Anm.S. 306-08; Sonneborn S. 34-51.

2 Drucke sind verzeichnet bei Bartsch u.in Goedekes Grundr. I 2 , 341 f.

3 ErneuteAusg.: Insel-BüchereiNr.71,o.J.

Straßburger Holzschnitte zu Dietr. v. Bern usw.= Drucke u. Holzschnitte d. 16. Jh.s, Bd. 15,Straßburg 1922.

4 Der älteste erhaltene Druck, Basel 1610,s. H. Stickelberger, ZfdA. 46, 101 ff.