Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

§11. Herzog Ernst 47

selbst im Prolog übersichtlich zusammen: das Lied erzählt die not und starkearbeit, die der herzöge Ernest leit, do er von Beiern wart vertriben 35 ff.,tapfer behauptete der Jüngling das Erbe, das ihm sein Vater hinterlassenhatte, so lange bis ihn davon ein Kaiser, ein gewisser, mit der Reichs-macht vertrieb; mannhaft überwand er so viele Nöte. In diesem Programmsind die beiden gegensätzlichen Parteien festgestellt und ihr Rechtsverhältnis,das den Konflikt und damit das tragische Geschick des Helden bedingt.

Der Grundplan ist einfach angelegt und nur wenige Personen führendie Handlung: der ungerecht verfolgte Held und sein nie versagenderFreund, der feindselige Stiefvater, die hilfreiche Mutter, dazu vorübergehendder den Anstoß zur Verwicklung gebende Intrigant.

Ernst ist der für das Recht kämpfende und mit starkem Willen sichdurch alle Widerstände und Leiden durchringende Mann; die Heldentugendder Tapferkeit ist darum die ihn vor allen auszeichnende Eigenschaft. Mitihr eng verbunden ist die Treue, die triwwe in volkstümlich weltlichemSinn: die innere Festigkeit der Überzeugung von dem, was Pflicht undEhre gebieten und das unwandelbare Eintreten dafür, s. bes. 50. 1733. 1771.1816. Ein warmer Gemütston ist den harten Taten beigemischt durch dieTreue, die den Fürsten mit den Mannen verbindet 10810. 1752ff. AnErnst entwirft der Dichter das Idealbild eines Fürsten, indem er ausführ-lich die feine, durchaus auf ere angelegte Erziehung schildert, die ihm seineMutter zuteil werden ließ 70158. Insofern er die Tugenden eines voll-kommenen Regenten besitzt, verbindet er Kraft mit Weisheit, eilen undwisheit 1730f. 1742. 5212. 5288. Aus großen geschichtlichen Bewegungengehen die Schicksale des Helden in diesem Gedichte hervor, darum sindauch seine Taten von hohen sittlichen Ideen getragen. Im 1. Teile sind esRecht und Ehre, für die er sein Leben einsetzt, im 2. die christliche Glaubens-gewißheit; dort kämpft er für seine eigene Selbstbehauptung gegen einegewalttätige Reichsregierung, hier für die gesamte Christenheit gegen dieFeinde des heiligen Grabes; dort ist er der nationale Held und der Schau-platz seiner Taten ist sein Stammland Baiern, hier ist er der christlicheRitter auf dem weltgeschichtlichen Boden des Morgenlandes. Damit trittim 2. Teil ein anderes ethisches Moment stark hervor, die Frömmigkeitund Barmherzigkeit im Dienste der Nächstenliebe. Ernst setzt sich ein fürdie Schwachen und Unterdrückten (Befreiung der indischen Königstochtervon den Schnabelmenschen, der Arimaspenleute von den Plattfüßen, Lang-ohren und Giganten, der Pygmäen von den Kranichen).

Mit dem Übergang aus der Geschichte in die Sage und Dichtung sinddie historischen Personen mehr oder weniger in Sagentypen verallgemeinertworden. Der wirkliche Ernst, ein Aufwiegler und Empörer, ist episch stili-siert als Typus des ungerecht verbannten Recken: wie Rother-Dietrich mußer sein Land verlassen, um in fremden Diensten sein Heil zu suchen. Fürkecke Gesetzesverächter, die, ausgestoßen aus der Gesellschaft, mit kühnem