46 Die erzählende Dichtung
Umfang vermehrt durch Hinzufügung des 2. Teiles, der Orientabenteuer,zur Ernstsage. Danach erheben sich weiter zwei Fragen hinsichtlich derAusgestaltung der Technik: wie entwickelt sich das Lied zum Epos (l.Teil)und die ethnographische Beschreibung zum ritterlich-abenteuerlichen Reise-roman (2. Teil)? Es ergibt sich dann folgendes Bild der Entstehungs-weise des Leseepos vom H. Ernst: einzelne Motive sind in epischer Breiteausgesponnen, z. B. die Erziehung des Helden 70—158, des Kaisers Lebenvor seiner Verheiratung mit Adelheid 175—256, die Werbung 257—448, dieVerleumdung 646—852, die Belagerung von Regensburg 1448—1674 u. a.In dramatischer Kürze und liedmäßiger Knappheit dagegen spielt sich derHöhepunkt der Handlung des 1. Teiles ab, die Erzählung vom Überfall undvon der Ermordung des Pfalzgrafen 1250—92 und 1316—26. Das belieb-teste Erweiterungsmittel sind die langen Reden, die hier in der Tat oft dasGefüge der Begebenheiten sprengen. — Durchsichtig ist die Technik des2. Teiles bei den Arimaspen und den folgenden Kreaturen (II /?). Die Völker-beschreibungen sind ganz kurz (die Arimaspen 4518—21, die Plattfüße4674—888, die Langohren 4822—7, die Pygmäen 4989 f.), während dochhier eine schöpferische Phantasie einen weiten Spielraum gehabt hätte.Alles Übrige ist Erweiterung durch ritterliche Episierung mit den geläufigenMotiven: höfischen Verkehrsformen, Kämpfen, Beratungen. Die Vorlage,das lateinische Buch, war eben hier nur ähnlich einem gedrängten ethno-graphischen Kompendium wie Isidor oder Honorius, das über die Monstranur kurze Notizen brachte. Diese hat der Dichter zu einzelnen Episodenerweitert, hat ihnen das ritterliche Kostüm umgeworfen und sie um einenMittelpunkt, den Aufenthalt Ernsts bei den Arimaspen, gruppiert. Dagegenwar die erste Hälfte des 2. Teiles, IIa, schon von vornherein in der demDichter vorliegenden Überlieferung novellistisch angelegt, denn sie bestehtaus den Sindbadabenteuern. 1 Das Mittel der epischen Verbreiterung hatder Dichter hier besonders bei den Schilderungen der Burg Grippia undden Kämpfen mit den grippianischen Leuten angewendet 2204—3882, dieca. den 3,6. Teil des ganzen Gedichtes ausmachen.Die innere Handlung. Den Kerngehalt seines Werkes faßt der Dichter
arbeiter B her, so daß mit dem gepriesenendeutschen Dichter in 2244—7 Ulrich v. Zazik-hoven gemeint wäre? Die Behauptung amSchluß von B, der Kaiser habe Ernsts Vertrei-bung und Rückkehr (also die auf tatsächlichgeschichtlichem Hintergrund beruhende Er-zählung von Ernsts Erlebnissen, die eigentlichhistorischen, nichtfabulösen Partien) auf-schreiben lassen, 6003—9, ist lediglich Erfin-dung. Über die Glaubwürdigkeit „fabulisti-scher" Quellenangaben s. Burdach, Ver-handl. d. 44. Philol.-Versammlung in Dresden1897 S. 28—31 u. Preuß. Ak. 1920 S. 1021Anm.; Wilhelm, Beitr. 33, 286—339, bes.S. 330f.; Ders., Münchn. Texte, H. 8 Kom-mentar 2, 1918, S. 141; H. Ernst u. Klage:
Vogt, BreslauerFestschr. 1911 S.513ff.; Ders.,Rektoratsprogr. Marburg 1913, S. 167; Jos.Körner, Die Klage u. d. Nibelungenl. S.30f.;Golther, Sage von Trist, u. Is. S. 73. 79f.;Vi'etor, Beitr. 46,104 ff; s. auch unt. Wolfr.1 Ein ähnlicher Unterschied im Umfang ein-zelner Episoden, wie sie oben für den Inhaltdes lat. Buches vorausgesetzt wurden, wonachschon in diesem die Sindbadgeschichten mehrRaum einnehmen als die Beschreibung derWundergeschöpfe, besteht auch im Straßbur-ger Alexander, wo Alexander ausführlich überseinen Aufenthalt bei Candacis berichtet, nurkurz aber über seine ersten Erlebnisse bis zuden Blumenmädchen (4935—5156).