§ 11. Herzog Ernst
45
griechischen Sagenschatz aufgenommen worden: in der „ethnographischenMärchendichtung" der Griechen, der Heimkehr des Odysseus, dem Zugder Argonauten, 1 liegt der Ursprung für diesen Zweig der mittelalterl. Welt-kunde. Das 3. Buch der Ilias wird eingeleitet durch ein prachtvolles Natur-gleichnis von dem Kampf der Pygmäen 2 mit den Kranichen. Herodot, derSchöpfer der wissenschaftlichen, doch noch eng mit der Sage verknüpftenVölkerkunde, berichtet in den skythischen Geschichten von den goldhütendenGreifen 3 und den mit ihnen in Fehde liegenden einäugigen Arimaspen mitBerufung auf ein Gedicht des Aristeas, die (verlorene) 'Agi/udoneia (k'nea'Agifidoneia), Herod. B. 3, 116. 4,13. 14. 27; ebenfalls dieser Dichtung ent-nommen ist die Erwähnung der Greifen und Arimaspen im gefesseltenPrometheus des Aeschylus V. 799 f. 4
Die römischen Ethnographen, Plinius, Solinus, bezogen ihr Wissen vonden Griechen und so stammen von diesen auch die Märchen von den Platt-füßen bzw. Schattenfüßlern, üxidnodeg, von den Langohren, ITdvcoroi oder'EvcotoxoItcu, von den Pygmäen und ihren Kriegen mit den Kranichen; dieGiganten, die Riesen von Kanaan, sind alttestamentlichen Ursprungs(Genesis 6, 4). 5 Aus römischen Quellen sind die geographischen Enzy-klopädien des Mittelalters zusammengetragen, Isidors Etymologien B. XI (dar-nach Hrab. Maurus De Universo) und des Honorius Augustodunensis ImagoMundi I Kap. XI — XIII. Besonders wichtig für die Völkerkunde des Mittel-alters ist die Beschreibung der Monstra in Augustins De Civ. Dei XVI Kap. 8.(s. oben).
Aus den Angaben des Gedichtes selbst lassen sich die unmittelbarenVorlagen" nicht mit Bestimmtheit erschließen, so viel aber darf als sicherangenommen werden, daß dem 1. Teil ein deutsches Lied zugrundegelegen hat, während für den 2. ein lateinischer 7 ethnographischer Orient-roman benutzt wurde.
Auch das Epos vom H. Ernst (A) ist in seiner äußeren Form bedingtdurch die Wandlung der Erzählungskunst im 12. Jh., d. h. es entstanddurch Erweiterung aus einer kürzeren Grundform; am stärksten wurde der
1 RohdeS.172«.
2 Lütjen, D. Zwerg i. d. dt. Heldendicht.S. 22 ff. 92. Reg. S 119.
3 Greifen u.Tierhaut: BoLTE-PoLivKA3,412.
4 Als naturwissenschaftliche Symbole einerurweitlichen Schöpfung erscheinen in GoethesKlassischer Walpurgisnacht die Greifen undArimaspen, „alter Tage fabelhaft Gebild",ebenfalls im Streit ums Gold.
6 Üb. diese Völker s. Haupt aaO.; BartschaaO. Zu den Zyklopen auch Annolied 364,Roediger S.123Anm.3; Kchr.ed SchröderV. 352; Zingerle, Die Quellen v. Rud. v. EmsAlex. S. 65; Strauch, Enikel S. 404 Anm. u.ZfdPh. 27,385; Arendt, D. Riese in d. mhd.Lit., Rost. Diss. S 7 u. ö. S. 81.
6 Bartsch S. II f. XXIX. XC—XCII. CVII—
CX. CXXIXf. u. S. 147; Sonneborn S. 6f.7 Es finden sich noch lat. Flexionsformen:Arimaspi 4505 u. ö., Prechami 4898, Magnes3897. — Außer inhaltleeren Formeln, 2579.3891. 4813. 4828 u.a. (Bartsch S. XXIX) be-gegnen an 3 Stellen bestimmtere Quellen-zitate: im Prolog 38 ff., bei d. Beschreibungvon Grippia2244—7 (Lob d. dt. Dichters, ausdess. Buch die Darstellung d. Burg entlehnt ist)u. endlich gelegentl.derErwähnungdesWaisen4465—76 mit Berufung auf d Quelle, ein inBamberg aufbewahrtes Buch (in D 3617 ff.).Da die 3 Stellen in Lücken von A fallen, alsonur der überarbeitete Text von B hierfür vor-liegt, so kann man über Vermutungen nichthinauskommen. Rühren vielleicht die beidenletzten Quellenbezeichnungen erst vom Be-