44 Die erzählende Dichtung
Gemüter, sondern es sprach auch ein geschichtswissenschaftliches Interessemit. Es lebte hier ein Stück deutscher Vergangenheit auf, das auch demgeschichtlichen Sinn der mittelalterl. Hörer entgegenkam. Tatsachen ausdem Leben des großen Kaisers Otto haben sich in der Volksüberlieferungforterhalten, mochten auch gelehrte Einflüsse dabei mitbeteiligt gewesensein. Die Gründung Magdeburgs und die Ehe Ottos mit der frommen Otte-gebe, die die Züge einer Heiligen trägt, 1 sind zwei historische Momente,die im guten Gerhart des Rudolf von Ems wiederkehren. Eine Erinne-rung an Ottos siegreiche Kriege bewahrt die Erwähnung seiner Kämpfemit Winden und Friesen B182f. Aus historischem Interesse geht auchdie Erzählung von der Herkunft des Waisen hervor B 4456—65, des leuch-tenden Edelsteins, der die für Konrad II. verfertigte Kaiserkrone zierte. 2Auch die genaue Angabe von Jahreszahlen (6 Jahre dauert der Verteidigungs-krieg Ernsts B 1191, mehr als 5 Jahre B 1724) zeugt von historischer Orien-tierung, und am Schluß 6003—9 wird überhaupt der Inhalt der Ernstdichtungauf eine historische Quelle zurückgeführt (s. unten). Dieses historisch-chro-nologische Element wurde dann in den späteren Bearbeitungen C D E nochverstärkt. 3
Der zweite Teil des Gedichtes, 4 Ernsts Kreuzfahrt, beruht auf orien-talischen bzw. griechischen Erzählungen, und zwar sind deutlich wiederzwei Motivgruppen und damit zweierlei Quellen zu erkennen: 1. Die Ge-schichten der ersten Hälfte, die Kranichleute, Magnetberg und Lebermeer,die menschenholenden Greifen, der unterirdische Höhlenstrom sind orien-talische, ursprünglich indische Märchen; alle vier Erlebnisse finden sich, mitzum Teil starken Abweichungen, in der arabischen Novellensammlung von1001 Nacht. In den Kranichschnäblern, die die indische Königstochter ge-raubt haben, ist die Geschichte des Prinzen von Karisme 5 und der Prinzessinvon Georgien enthalten, die ausführlicher im Türkischen vorkommt. 6 Diedrei anderen Gefahren gehören zu den Abenteuern Sindbads des Seefahrers. 72. Die zweite Hälfte, die fünf Reiseerlebnisse umfaßt, geht aus der mittel-alterl. Ethnographie hervor, die ihrerseits, wie überhaupt die Naturkundedes MA.s, eine Überlieferung des klassischen Altertums ist. GriechischePhantasie und griechischer Wissenstrieb haben diese fabelhaften Wesen ge-schaffen bzw. sie sind nach älteren, orientalischen Erzählungen in den
De Civ. Dei XVI Kap. 8.
5 Die 17. Nacht: der Prinz verteidigt dasReich seiner Freunde, der Kopflosen, gegendie vogelköpf igen Menschen; prachtvollerDom (vgl. die Burg Qrippia); Stromfahrt durcheine Höhle.
6 Cholevius, Gesch. d. dt. Poesie nach ihrenantiken Elementen, I.Teil, 1854, S. 95f.; undbes. Rohde S. 179—83, wo auf weitere Litera-tur hingewiesen ist.
7 Rohde S. 179 ff.; Leo Jordan aaO.S. 339—43.
1 Vgl. Qiesebrecht 1, 317f. 817; BartschS. XCVI1 ff.
2 Haupt S. 295; Bartsch S. XCII. CVII.CLXff.; Kelle S. 385—7; W. Uhl, Festschr.f. Schade, 1896, S. 297—308.
3 Haupt S. 301 ff.; Bartsch S. LXXXVII.XCf. XCV. C. CIL CV.; DOmmler aaO.
4 v. D. Hagen S. XI ff.; J. Grimm, Kl. Sehr.4,36 ff.; Haupt S. 293—9; Bartsch S. CXLIV—CLXXII; P. Gereke, Stud. z. Reinfr. v.Braunschweig, Beitr. 23, 358—483; ErwinRohde, Der griech. Roman 1 S. 172 ff. — DieMonstra in der kirchl. Lit.: s. bes. Augustinus,