Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
43
Einzelbild herunterladen
 

§ 11. Herzog Ernst

43

eingemischt: der Bußgang Heinrichs ist wiederholt in Ernsts Demütigung 1H. Ernst B 5908ff., und die Vorliebe der Mutter Heinrichs, Mathildens, fürdiesen ihren unbotmäßigen Sohn kehrt in dem Gedichte wieder in der sorgen-den Mutterliebe Adelheids um den verstoßenen Ernst.

Die Sage vom Herzog Ernst bildete die Erinnerungen der Liudolfsagedahin um, daß aus dem kaiserlichen Vater der Stiefvater wurde, das Motivvon der sorgenden Mutter aber erhielt eine Verstärkung durch die Bedeu-tung, die Ernsts Mutter Gisela als Vermittlerin zwischen dem Gemahl unddessen Stiefsohn zukam.

Die schwäbische Ernstsage hat als Kern ein hervorragend beliebtes epischesMotiv, die Freundestreue. Infolge dieser ethischen Kraft hat das SchicksalErnsts die lebhafteste Teilnahme im Volke gefunden. Schon das NecrologiumS. Galli bemerkt zu seinem Todestag: Ernst, dax et decus Alamannorumobiit.

Schon die Geschichtschreiber haben die Wirklichkeit dichterisch, also mitder Phantasie, erfaßt, sie haben solche historische Tatsachen, die schon insich einen stärkeren Lebens- oder Gefühlsgehalt, epische oder lyrische Mo-mente trugen, herausgegriffen, hervorgehoben, reicher ausgestaltet, wobeizugleich eine politische Tendenz mitwirken mochte. So rückt die jüngereVita Mathildis die Person Heinrichs von Baiern in den Vordergrund undverleiht dem Verhältnis der Mutter zum Sohn einen tieferen Gefühlswert;Hrotsvitha erhebt die Versöhnung zwischen Otto und Heinrich zu einerergreifenden dramatischen Szene; für die Trauer des Reiches und des kaiser-lichen Vaters um Liudolf, der, um seinen Freunden die Treue zu wahren, dasVaterland verließ, hat Widukind bewegte Worte (III, 57. 58); und Wipo schil-dert mit epischer Anschaulichkeit die Treue Ernsts gegen Wetzel und denletzten Verzweiflungskampf des Geächteten. Die Geschichtschreibung isthier poesievoller als die Dichtung, denn gerade das alte und echte Sagen-motiv der Treue ist in dem Epos ganz verblaßt, 2 denn jener ethische Höhe-punkt, die Weigerung Ernsts, seinem eigenen Vorteil den Freund zu opfern,fehlt in dem Gedichte: sie paßt nicht zu dem versöhnenden Ausgang, demdas Gedicht im Anschluß an die Liudolfsage zustrebt, denn sie ist ja imGegenteil der Grund zu Ernsts unglücklichem Ende. Hingegen behauptetdas andere Stimmungsverleihende Hauptmoment der Ernstsage, die Fürsorgeder Mutter um ihren Sohn, auch in dem Epos seine Bedeutung, weil Gleichesschon in der ottonischen Liudolfsage vorgebildet war.

Von ihrem Ursprung aus der Geschichte her hat der Ernst- bezw. Liudolf-sage eine historische Färbung angehaftet, die auch noch in dem Gedichtedurchschimmert. Nicht nur der poetische Reiz der Heldentragik fesselte die

1 LG. 1, 383; Hrotsvitha, Gesta Oddonis336 ff. Aus dem ottonischen Sagenkreisestammt wohl auch die Erschlagung des Pfalz-grafen Heinrich und dieBedrohung des Kaisersselbst, H. Ernst B 1250 ff., als Nachbildung

der Geschichte Ottos mit dem Barte, Br.GRiMM,Dt. Sagen 11 Nr. 472; Wehrhan S. 71 ff. u. 194.2 Uhland Bd. 5 u. 7aaO.; Dümiwler aaO.S. 266.