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Die erzählende Dichtung
Herzog Ernst I. von Schwaben. Da seine Erbansprüche auf Burgund nachdem Ableben des kinderlosen Königs Rudolf vom Reiche nicht erfüllt wurden,griff er zu den Waffen, mußte sich aber bald ergeben und wurde auf derFeste Gibichenstein bei Halle in Haft gesetzt (1027). Auf Fürbitte seinerMutter Gisela wurde er nach zweijähriger Gefangenschaft wieder freigegeben(1029) und sollte wieder in sein Stammland Schwaben eingesetzt werdenunter der Bedingung, daß er seinen treuen Freund Werinher (Wetze!) 1 vonKiburg, der den Aufstand gegen den Kaiser in Alemannien fortgesetzthatte, preisgebe und als Feind des Reiches verfolge. Aber Ernst verab-scheute ein solches treuverletzendes Ansinnen. Darauf wurde auf dem Reichs-tag zu Ingelheim unter Zustimmung aller Fürsten Acht und Kirchenbannüber ihn verhängt. Wegen seiner Widersetzlichkeit auch von seiner Mutteraufgegeben, zog er sich mit wenigen ihm verbliebenen Anhängern, woruntersein Getreuer Wetzel, in die wildesten Gegenden des Schwarzwaldes zurück,das Leben eines Verfemten führend, bis er schließlich im Verzweiflungs-kampf der Übermacht der Reichswehr erlag (1030). Seine Leiche wurdespäter in der Familiengruft zu Roßstall in Franken beigesetzt.
Das Zentrum der Ereignisse ist in beiden Vorgängen das gleiche: derSohn erhebt sich gegen den Vater bezw. den Stiefvater. Der Sagengrundliegt in der älteren der beiden Geschichten. Der Aufstand Liudolfs war ge-wiß in Liedern besungen und auch in mündlicher Erzählung weiter über-liefert, geradeso wie die Empörung seines Oheims Heinrich von Baierngegen seinen Bruder, denselben großen Kaiser Otto. 2 Der Liudolfsage ent-stammen im Gedichte der Kaiser Otto und seine Gemahlinnen, Ottegebeund Adelheid, der den Konflikt heraufbeschwörende Verleumder Heinrich,die Achterklärung, Baiern als Schauplatz des Krieges mit der entscheiden-den Erstürmung Regensburgs, endlich die Lösung der tragischen Situationdurch die demütige Verzeihungsbitte des Helden und das glückliche Endemit der Aussöhnung. Auch die Umkehrung der Rechtsfrage, wonach derVater bezw. eine Gegenpartei die Schuld an dem Zerwürfnis trägt, nichtder Sohn, war schon in der Liudolffabel enthalten. Ebenso lagen in ihrschon Andeutungen für die in dem Gedichte wichtigen Momente der Freundes-treue und der Auslandsreise durch die Weigerung Liudolfs, seine Freundeauszuliefern, und durch seinen Zug nach Italien. 3 Aber schon in diese ur-sprüngliche Fassung der Geschichte Liudolfs haben sich nahestehende Zügeaus anderer Quelle, aus dem Leben seines Oheims Heinrich von Baiern,
Geschichtschreiber d. dt. Vorz. XI. Jh. Bd. 41,2. Aufl. 1892, bes. Kap. 10. 19—21. 25—8;Stalin, Wirtemberg. Gesch. 1 (1841),474-83;Giesebrecht 2,219—66(s.Reg. 727u. 626ff.)Bresslau, Jahrb. d. dt. Reiches unt. Konrad IL,1879; Hainer S. 64 ff. (bes. S.73); Uhland aaO.;Haupt S.299—303; Dümmler, Bartsch aaO.1 Wetzel ist Koseform für Werinher, Werner:Wezelo qui et Wernherus; Werner von Kiburg
wird in den Quellen Werinher genannt, beiWipo, doch Wezilo, Haupt S.299f.; BartschS. LXXXVf.
2 LG. 1, 228 ff.
3 „Liudolf verließ, da er seinen Freunden dieTreue nicht brechen wollte, sein Vaterland undzog mit ihnen nach Italien", Widukind 111,57,vgl. Hainer S. 55.