§ 10. Die bildende Kunst. Die Musik 35
werksmäßig betrieben in Schreibschulen und -Werkstätten. Ein solcher ge-schäftiger Bücherfabrikant war Diepöld Lauber in Hagenau, seine Schreib-stube ca. 1427—1467. 1
Die deutsche Technik des 12. Jh.s wird fortgesetzt. Die Auffassung derPersonen und Vorgänge ist naturalistisch, jedoch mit Ornamentierung derNaturumgebung. Es sind einfache Federzeichnungen, oft in derbem Ge-schmack rasch hingeworfen, die Menschen mit plumpen Gesichtern undimpulsiven Bewegungen. Anfangs waren nur die Umrisse koloriert, späterwurden die ganzen Figuren mit Wasserfarben ausgefüllt. Diese kunstlosereArt wurde namentlich in volkstümlichen und fabrikmäßig hergestellten Hand-schriften angewendet wie bei Bibeln, Rechtsbüchern, belehrenden und mo-ralisierenden Schriften.
Die französische Technik war traditionell gebunden, die Personen sindkonventionell nach überlieferter Schablone entworfen, die umgebende Natur,Pflanzen und Tiere und die Gegenstände sind stilisiert. Die farbenreich be-malten Bilder der vornehmeren Handschriften, z. B. der Manessischen, tragenden Typus idealisierender Schönheit, anmutig und zierlich, ja oft süßlichsind die Gestalten und Bewegungen der Herrn und Damen und geben dieVorstellung einer fein gebildeten Gesellschaft. Der mittelalterl. Auffassung ent-sprechend dient die Buchillustration zur Erklärung und zum Verständnis desTextes. 2 Dazu gehört die ausdrucksvolle Gebärdensprache. In der Haltungdes Kopfes ist die Stimmung der Personen ausgedrückt, die „sprechenden"Hände deuten an, was sie denken und fühlen und was sie sagen wollen.Im Äußern ist so der innere Mensch symbolisch wiedergegeben. DieserGrundsatz, die inneren Vorgänge auf das Äußere, das Seelenleben auf dieMimik zu übertragen, schließt eine lebhafte Charakterisierung in sich.
Manchfaltig sind die Vorwürfe dieser Buchmalerei. Die Szenenbilder,noch ohne Perspektive, überwiegen, entsprechend den zugrunde liegendenRomantexten, sie behandeln zunächst das Ritterwesen, Kämpfe, Turniere,festliche Aufzüge, doch auch das tägliche Leben. Das Einzelbild hat seinenPlatz besonders in den nach französischem Muster illustrierten Minnesinger-handschriften; es entbehrt noch der individualisierenden Porträtierung.
Die vornehmeren höfischen Bilder geben das Schönheitsideal 3 wieder,das sich die Zeit von der Frau ausgebildet hatte. Wie die Dichtungen es
1 Haupt, ZfdA. 3, 391 f.; Edw. Schröder,Meist. Ingolds Goldnes Spiel S. XVII; R.Kautzsch, Diebolt Lauber u. s. Werkstatt inHagenau, Centralbl. f. Bibliothekswesen 12(1895) u. SA.; Ders., Festg. f. Sievers, 1896,287 ff.
2 Thomasin, W. Gast 1093 ff. 9313 ff.; picturaest laicorum literatura, Honorius Aug.GemmaAnimael,132(Mignel72,586C); Otto Denk,Gesch. d. gallo-fränk. Unterrichts- u. Bildungs-wesens S.277; Johannes Müller, Quellen-schriften u. Gesch. d. deutschsprachl. Unter-richtes, 1882, S.338 f.; Geffcken, Bilderkate-3*
chismus passim; Joh. Janssen, Gesch. d. dt.Volkes I, 50 ff. — (Bilder in derBiblia paupe-rum,Bilderkatechismen,Beichtbüchlein,Tafelnd. 10 Gebote, Totentänze; die ganze Welt-erlösungsgeschichte in d. kirchl. Kunst in Bil-dern dargestellt.)
3 Uhlands Schriften 5, 165ff.; Weinhold,Dt. Frauen l 2 , 219 ff.; Wilmanns, Leben Wal-thers S. 182 ff. u. Anm., ed. Michels S. 266 ff.u. Anm.; Mor. Heyne, Dt. HausaltertümerBd.3, Körperpflege u. Kleidung, S. 1 ff.; Ferd.Michel, Heinr. v. Morungen u. die Trouba-dours, QF.38 (1880), 22 ff.