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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
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34 Einleitung

Das gotische Formprinzip steht in den Grundzügen im Gegensatz zudem romanischen. Die Wesensunterschiede liegen einmal in den räum-lichen Bestimmungen der Richtung: horizontal oder vertikal, und dann inden Seinsbestimmungen von Ruhe und Bewegung. Der romanische Bauist horizontal gerichtet, wuchtig und massig mit weiten Wandflächen ruhter breit gelagert auf der Erde. In ruhigen, harmonischen Maßverhältnissenmit nur wenigen, aber darum den Schauenden um so mehr anziehendenSchmuckmitteln wirkt er monumental erhaben, noch etwas bewahrend vonder edlen Einfalt und stillen Größe seines antiken Ursprungs. Der Grund-ton ist architektonisch. Charakteristisch ist der über Fenster und Türensich wölbende Rundbogen. Leicht und schlank dagegen strebt dergotische Dom aufwärts in die Höhe. Die ganze Anlage hat scheitel-rechte Tendenz, ihr dienen alle Teile, charakteristisch gegenüber demromanischen Stil ist der nach oben zielende Spitzbogen. Das ganze Bildist in Bewegung, die Massen sind aufgelöst, die Flächen durchbrochenund fein gegliedert. Eine Fülle von ornamentalen Einzelheiten belebt dieFassade, Säulen und Säulchen, Türme und Türmchen, Statuen und Figurenschmücken Wände und Dach, besonders reich sind die Fenster gekröntmit Maßwerk, Wimpergen, Kreuzblumen und Rosetten. Nach innen leuchtendie Glasgemälde in buntester Farbenpracht und werfen stimmungsvolleLichter in die gedämpfte Halle der gewaltigen Räume, in unendlichenSzenenfolgen die Weltgeschichte oder das Leben heiliger Personen er-zählend, jedes Bild ein Symbol der Ewigkeit. Alles, Geist und Sinne,strebt von der Erde nach den oberen Regionen.

Mit der Auflösung des architektonischen Elementes in ein Spiel vonZieraten ist der Schritt zum Malerischen gemacht. Der Sinn des romanischenTypus ist ruhevolle Besonnenheit, die Gotik, eine Ausstrahlung überreicherPhantasie, weiß der Verherrlichung des Übersinnlichen keine Grenze zufinden. Aber gerade in dieser Überspannung der formalen Kunstmittel liegtein weltliches Moment, denn in außerordentlichem Maße wird der Reiz derSinnenwelt zu Hilfe genommen, um das Göttliche zu erfassen. Die Kircheaber hat den neuen auf das Diesseits gerichteten Geist der höfisch-ritter-lichen Periode in ihre Realitätsbedingungen gezogen.

Die Plastik steht im Dienste der Architektur zur Bereicherung desornamentalen Elementes, die Wand- und Tafelmalerei, die im 14. Jh. einenkräftigen Aufschwung nahm, wird an historischem Werte übertroffen vonder Buchmalerei. 1 Diese steht in unmittelbarer Beziehung zur Literaturund gewinnt in dieser Verbindung vom 13. Jh. ab künstlerische und kul-turelle Bedeutung. 2 Die Sitte, die Handschriften mit Bildern zu schmücken,nimmt zu, und mit der Zeit wird die Buchillustration mehr und mehr hand-

1 LG. II, 1, 9 f. Auf die kulturgeschichtl.Bedeutung der Kultgeräte u. -gefäße sei hiernur mit einem Worte hingewiesen.

2 Eine Trennung zwischen einzelnen Ent-

wicklungsstufen der Miniaturmalerei läßt sichhier bei der nur allgemein gehaltenen lieber-sieht nicht machen.