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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Einleitung

Der Schluß eines Satzes kann mit dem Schluß eines Reimpaars zu-sammenfallen, die beiden Zeilen dieses Reimpaars gehören also dem Sinnund der Form nach zusammen (rime sanierten); oder aber, mit der erstenZeile eines Paares schließt ein Satz, mit der zweiten beginnt ein neuer,das Reimpaar ist durch den Sinn gebrochen, Reimbrechung (rime brechen). 1Die Ausgänge von Abschnitten werden meist durch ungebrochene Reimpaaremarkiert. Eine besondere rhythmisch-syntaktische Form ist das Enjambe-ment, 2 die Trennung eng zusammengehörender Satzglieder durch denVersschluß.

Die sorgfältige Behandlung der Reime, die oft durch recht umfangreicheWerke durchgeführt ist, läßt auf eine nicht geringe Sprachgewandtheit derVerfasser schließen. Allerdings standen auch viele gewöhnliche, abgegriffene,traditionell formelhafte Bindungen gerade für sehr geläufige Begriffe zu Ge-bote, die sich sofort bei Bedarf leicht automatisch einstellen konnten, wieman : kan, muot: tuot, min : sin, dar: gar, ere : mere, ere : sere, und dieReimtechnik sehr erleichterten.

Oft sehr manchfaltig sind die Strophengebilde in der Lyrik. Regelmäßig-keit im Wechsel von Hebung und Senkung war im Minnesang noch mehrgeboten, da der Text an die Betonungsbedingungen der begleitenden Me-lodie gebunden war.

Vortragsweise. Die höfischen Epen waren zum Lesen bestimmt, zumVorlesen vor dem Publikum oder zur stillen Lektüre. Über die strophischenHeldenepen und über die Lyrik s. unten.

Stilkunst. Nach dem Vorgang der klassischen Rhetorik (Stilistik) unter-scheidet man drei Stilarten für die Sprache: die einfache, prosaischeAusdrucksweise, die gemäßigt poetische, die gehoben poetische (einerseitsdie erhabene, andrerseits die besonders zierlich ausgeschmückte Art). DieAbstufung dieser drei Schreibarten liegt in dem Maß der Verwendung dersprachlichen Kunstmittel (besonders der sog. Figuren): niederer Stil Gleich-gültigkeit gegen die Künstmittel; gemäßigter Stil mäßige Anwendungderselben; erhabener Stil starke Anwendung. 3

Die meisten der mhd. Dichter legten ein besonderes Gewicht auf densprachlichen Ausdruck. In der Stilisierung, sowohl der inneren wie deräußeren Form, offenbaren sie am sichtlichsten ihre Eigenart. Ihre Werkesind nicht wörtliche Übersetzungen der französischen Texte, sondern freieWiedergaben bei möglichster Übernahme des Inhalts. Am tiefsten geht dieWahrung der Persönlichkeit da, wo der deutsche Dichter französische Denk-weise in seine eigene ethische Auffassung und Gemütsart umwendet (innereForm). Hier kommt die deutsche Volksseele zum Durchbruch und damit

1 Rime samnen unde brechen Parz.337,26.Rlm ist die Verszeile, nicht bloß der Reim amZeilenschluß, Braune, Reim u.Vers, Heidelbg.SB. 1916, ll.Abh.

2 Friedr.Wahnschaffe, Die syntakt. Bedeu-tung d. mhd. Enjambements, Pal. 132 (1919).

3 LG. II, 1, Vif. u.S. 15; u. unten Hartmann,Wolfram, Golfrid.