§ 9. Metrik. Stil 31
Der Rhythmus wird glätter durch strafferes Maß der Takte. 1. Der nor-male Takt besteht aus einer Hebung und einer Senkung (zweisilbigerTakt): xx. 2. Dreisilbiger Takt: eine Hebung und zwei Senkungen, dannmüssen womöglich zwei aufeinander folgende von den drei Silben kurzsein (verschleifbar, Silbenverschleifung [Lachmann], Auflösung [Sievers,Saran]) oder doch gewichtleicht: xxx (=iuu ] j. w ^, ^ w _), dermüoz mit mäneger missetät; den er getrüwete güotes; der kiinec hiezbälde ilen. 3. Einsilbiger Takt, besteht nur aus einer Hebung ohne fol-gende Senkung (Synkope der Senkung, beschwerte Hebung), die Silbemuß lang sein (Kürzen als Hebung ohne folgende Senkung sind sehr selten):x, er füort in hin da er vänt; länt, Hute ände leben; wände elich hirät;ze Swäben gesezzen (' Hauptton, ' Nebenton).
Es bestand das Streben nach regelmäßigem Wechsel von Hebung undSenkung (alternierender Rhythmus, Alternation), aber die dichterische Indivi-dualität war nicht gebunden. Die reinsten Verse baut unter den Meistern Got-frid; Wolfram hält sich etwas freier, am meisten bewahrt Hartmann, besondersin seinem ersten Werke, dem Erec, das altertümliche deutsche Versprinzip.Die Epigonen folgen ihren Vorbildern. Mit Konrad v. Würzburg, dem Nach-ahmer Gotfrids, ist der rein alternierende Rhythmus zum Siege gelangt.
In der Durchbrechung der formalen Regelmäßigkeit, also in der Freiheitder Senkungsbildung, bekundet sich der deutsche Formwille, der nichtsklavisch den romanischen nachahmt. 1
Die Reime sind genau und zwar besaßen die Dichter meist ein feinesakustisches Gefühl. Es reimten z. B. nur offenes e oder geschlossenes eunter sich, nicht mit einander (nicht S : e, sondern e : 8, e : e); lang i u sehrselten auf kurz l ü, weil die Längen, die schon auf dem Weg der Diph-thongierung waren (oder dialektisch [österr.] schon diphthongisch waren),sich mundartlich im Klang von den Kürzen unterschieden; Bindungen vona: ä (e: e), o:ö werden in beschränktem Maße von den meisten Dichternzugelassen.
Nach dem Reimgeschlecht sind die Reime a) stumpf, männlich (ein-silbig), man : kan, hant : lant, muot: tuot, da: sä, b) klingend, weiblich (zwei-silbig), singen: springen, mine: sine. Aber zwei Kürzen zählen so viel wieeine Länge (Verschleifung, Zusammenziehung, also - ^ = —, gäben : lebengelten als stumpf, männlich, wie kan: man, muot': tuot etc.
Das meistgebrauchte Versmaß in der erzählenden Dichtung sind die ad.Reimpaare (Strophen im Heldenepos s. unten), mit ihrer freien Abwechs-lung von stumpf endenden Versen mit 4 Hebungen und klingend enden-den mit 3 Hebungen. Im Laufe des 13./14. Jh.s nehmen die stumpf aus-gehenden Verse zu. 2
1 Hier wirkt noch immer die germ. Vers-akustik, wie auch schon Otfrid nicht das klas-sisch regelmäßige Formgesetz der lat. Hymnen-
poesie angenommen hat, s. LG. I, 186 f.
2 Kochendörffer, ZfdA. 35, 291; Schrö-der, Zwei ad. Rittermseren 1 S. X f.