Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

28

Einleitung

Verfasser, jedes einzelne Erzeugnis weist deutlich seine landschaftliche Herkunftauf. Anders in der höfischen Kunst der Blütezeit. Hier herrscht ein Zug zurVereinheitlichung. Es besteht in der Literatur eine Gemeinsprache, die Spracheder Dichter, die mhd. Dichtersprache, Schriftsprache. Das hervorstechendMundartliche wird gemieden, die groben grammatischen Unterschiede ver-schwinden, dadurch weichen die Formen bei den einzelnen Dichtern nicht sostark voneinander ab und bieten wenig, ja bei den Klassikern fast gar keineauffallenden Merkmale. Die Ähnlichkeit ist so groß, daß es erst eingehendsterForschung gelungen ist, 1 subtile mundartliche Unterschiede aufzudecken,die auf die Heimat eines Dichters schließen lassen. Das kritische Mittelzur Erkenntnis der Sprache eines Denkmals bilden die Reime, da die mhd.Dichter sehr rein reimten. Die Hss. überliefern uns niemals den absolut ge-nauen Urtext, da die uns erhaltenen keine Originale der Autoren sind;durch Unachtsamkeit oder Willkür der Schreiber flössen mehr oder wenigerstarke, sachliche oder bloß sprachliche Änderungen ein. Da aber die Reimerein sein müssen, so lassen sich in ihnen auch handschriftliche Fehler un-schwer erkennen und meist auch durch die Textkritik richtig stellen. Aberfür den Satz im Innern der Verse gibt es keinen solchen Maßstab, so daßhier die Sprachformen nicht so sicher auf ihre Richtigkeit hin geprüft werdenkönnen.

Dasklassische" Mhd. ist in der in unsern Grammatiken und in den kriti-schen Textausgaben festgesetzten Regelmäßigkeit weder gesprochen nochgeschrieben worden, diese stellen nur ein sprachliches Idealsystem dar. 2

DieDichtersprache" war obd., gilt also in den alemann., baierischen undostfränk. Dichtungen. Die Mitteldeutschen konnten sich jener Dichtersprachenicht völlig anpassen, da ihre Mundarten zu stark vom Obd. abwichen,wenn sie auch danach streben mochten. Die niederd. Dichtung des13. Jh.s 3 war ganz von der hochd. abhängig, die Verfasser näherten ihreSprache dem Hochd. an, d. h. sie mieden die nd. Lauterscheinungen, be-sonders natürlich die stärkeren, und führten andrerseits hd. Worte undReime ein.

Von einschneidender Bedeutung für die Entwicklung einer deutschenEinheitssprache wurden die Sprachen der Kanzleien. Kanzlei eines

1 Siehe Zwierzina u. Kraus aaO.

2 Wie weit dieDichtersprache" auch wirk-lich gesprochen wurde, entzieht sich unsererBeurteilung. Wahrscheinl. hat folgendes Ver-hältnis bestanden: die Bauern u.dieLandedel-leute, die zu Hause sitzen blieben (ein Beispieleines solchen bäurischen Grundbesitzers inHartmanns Iwein 280758), kannten nur ihrenreinen, groben Volksdialekt, die Gebildeten and. Höfen u. unter d. Geistlichen hatten e. fei-nere, über der ungetrübten Mundart stehendeVerkehrssprache (ebenso wie heutzutage imhd. Sprachgebiet sich die Umgangsspracheder Gebildeten von der Mundart des Volkes

abhebt). Bei dieser höheren Umgangsspracheschwebte also ein sprachliches Ideal vor, des-sen Stütze das Sprachgefühl war. Unter sol-chen Voraussetzungen ist die Frage nach dermhd. Dichtersprache zugleich e. soziologi-sches Kulturproblem, das auf der Trennungder Stände, auf sozialen Unterschieden be-ruht. Der höfisch Gebildete empfand die Spra-che des gemeinen Mannes (mhd. bcese, schlechtvon Charakter, aber auch von Stand) als etwasNiedriges. Auch. d. ästhet. Gefühl mag mitge-wirkt haben.

3 Siehe unten Eilhart, Veldeke, Albr. v. Hal-berst., Berth. v. Holle.