§ 8. Die mittelhochdeutsche Dichtersprache 27
einer neuen Geistesrichtung in der Literatur, die dann in den folgendenzwei Jahrhunderten, dem 14. und 15., entfaltet zur Geltung kam. Ein kräftigerWirklichkeitssinn schaute das Leben nicht mehr durch das Medium desSymbols wie in einem Artusroman, sondern griff in Novelle und Satire indie Gegenwart selbst hinein, in die gärende Zeit, die nach neuen Formenrang. Die Wendung zum Realistischen und Volkstümlichen erzeugte eineniedrigere Gattung der Unterhaltungsliteratur, die Schwanke; praktisch-realistische Zwecke verfolgte die Spruchdichtung der Fahrenden mitihrer lehrhaften und moralisierenden Tendenz. Dagegen erweckte die neuefranziskanische Frömmigkeit eine neue, Mensch und Gott in inniger Gefühls-einheit verschmelzende Mystik. — Dieser soziale Entwicklungsgang warebenfalls nicht auf Deutschland beschränkt, sondern dieselbe Demokratisie-rung der Gesellschaft bewegte, mit ähnlichen Folgen für Bildung und Literatur,die Geschichte Frankreichs.
Mit dem Übergang von der ritterlich-phantastischen zu der bürger-lich-realistischen Auffassung des Lebens und der Dinge war die zweiteWandlung in der deutschen Dichtung des MA.s getan. Das Rittertum glaubtean die Phantasiewelt der Artusromane, da sie der Ausdruck seiner Idealewar, dem praktisch nüchternen Wirklichkeitssinne des 14. und 15. Jh.s galtendiese Wundertaten nur als poetische Reizmittel. Die Zeit der Romantik warvorbei, aber die Freude an ritterlichem Glanz, an Spiel und Festlichkeiten,der Sinn für aristokratische Lebensformen war, wenn auch in andere, wenigerschwärmerische Formen gekleidet, doch nicht erstorben, vielmehr in weitere,auch bürgerliche Kreise gedrungen. Darum ging auch das Interesse an derhöfischen Literatur nicht verloren, und die führenden Romane Hartmanns,Wolframs, Gotfrids blieben, wie die vielen Handschriften zeigen, eine be-liebte Lektüre auch im 14. und 15. Jh. 1
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Die ahd. und frühmd. Denkmäler tragen das Gepräge der Mundart ihrer1 Vgl. Panzer, Personennamen aus d. höf.
Epos in Baiern, Festg.f.Sievers, 1896,205—20;Ernst Kegel, Die Verbreitung d. mhd. erzäh-lenden Lit. in Mittel- u. Niederdeutschi., nach-gewiesen auf Grund von Personennamen, Her-maea III (1905); Fritz Karg, Die Wandlungendes höf. Epos in Deutschi.vom 13.zum 14. Jh.,GRM. 11 (1923), 320—36.
2 Schriftsprache, Dichtersprache:Paul, Gab es e. mhd. Schriftspr.*, 1873;Behaghel, Zur Frage nach e. mhd. Schriftspr.,1886; Ders., Schriftspr. u. Mundart, 1896;Kauffmann, Behaghels Argumente für e. mhd.Schriftsprache, Beitr. 13, 464—503; Ders.,Gesch. d. schwäb. Mundart, 1890, 275ff.;Pischek, Zur Frage nach d. Existenz e. mhd.Schriftspr. im ausgehenden 13. Jh., 19. Jahres-ber.d.Oberrealschule in Teschen 1892; Singer,Die mhd. Schriftspr., 1900, und Aufs. u.Vortr.,1912,123—43;KRAUS,Festg.f.HeinzelS.lllff.;Zwierzina, ebda437ff.; Ders.,Mhd.Studien,
ZfdA. 44, 1 ff. 249 ff. 345 ff., 45, 19 ff. 253 ff.317 ff., ferner 63, 1—19; Ders., Festg. fürLuick 1925, 122—40; f. Sievers 1925, 402—44; f. Ehrismann 1925, 56—60; Behaghel,Gesch. d. dt. Sprache, 4. Aufl. 1916, S.66ff.;KLUGE,Dt.Sprachgesch.l920,S.286ff.; Schiro-kauer, Beitr. 47, 1 ff.; Bojunga, Die mhd.Dichtersprache, in: Nollau, Germ. Wieder-erstehung, 1926; H. Naumann, Gesch. d. dt.Literatursprachen, Deutsch-kundl. Buch. 1926.— Die früheren Ansichten: W. Grimm, Kl.Schr.3,214ff.;PFEiFFER,FreieForsch.S.309ff.;Paul S. 3 ff. Die nd. Dichterspr.: Behaghel,Schriftspr. u. MA. S. 9 u. Anm.; Roethe, DieReimvorreden d. Sachsenspiegels, Gott. Ab-handl. NF. II Nr. 8,1899; Schröder, Eraclius,Münch. SB. 1924, 3. Abh. S. 1 ff.; s. auch un-ten bei Eilhart u. Veldeke. — Vollst. Lit. üb.d. Schriftspr. bis 1916: Behaghel, Gesch. ddt. Spr. aaO.