Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
26
Einzelbild herunterladen
 

26 Einleitung

Deutschland, bekam aber doch bei dem Durchgang durch das deutscheGemütsleben einen nationalen Stimmungston. Diese Kunst war nur dasPhantasiebild einer besonders bevorzugten Klasse, war Standespoesie undbewegte sich in konventionellen Linien, in einem bestimmten und be-schränkten Darstellungskreis und in ausgesprochenen, dieser Gesellschafteigentümlichen Wertverhältnissen, mit wiederkehrenden Motiven, so daß fürdie unselbständigeren Nachahmer nur wenig Raum zur Entfaltung der eigenenPersönlichkeit blieb.

Mit der Kultur des Rittertums hat die mittelalterl. Dichtung ihre höchsteStufe erreicht. Es war die Blütezeit der mittelalterl. Poesie in Deutschland,es war die eigentliche Zeit der Romantik.

Aber bald ging die poetische Schöpferkraft des Standes, dessen Idealediese Dichtung verherrlichte, zur Neige. Unerreichte Vorbilder blieben diedrei großen Epiker Hartmann, Wolfram, Gotfrid, und ihre Nachfolger be-kennen sich selbst als Nachahmer, eine lange Reihe von Epigonen zehrtevon ihrer Kunst, und über Entartungen im Minnesang klagten schon Veldekeund Walther v. d. Vogel weide. 1 Auch war die verfeinerte Höfischheit, zumalmit dem Minnedienst, nur eine vorübergehende Modeerscheinung, die Lebens-kunst einer auserlesenen Aristokratie in der Zeit ihrer geistigen Hochspannung.

Der tiefste Grund aber für den Rückgang des Rittertums lag in derVerschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Das ritter-liche Staufengeschlecht war ausgestorben, eine Zeit völliger Zerrüttung folgtemit dem Interregnum und der neue Herr, Rudolf v. Habsburg, war ein spar-samer, kluger Haushalter ohne Sinn für edles Abenteurertum oder phanta-stische Minnetheorien. Die Ritterschaft war aber in sich selbst herunter-gekommen. Ihre wirtschaftliche Lage hatte sich durch gesteigerten Verbrauch,durch Genußsucht, Rauflust, ewige Fehden verschlechtert, Roheit und Ver-wilderung nahmen überhand.

Da war der Boden bereitet für die soziale Umwälzung. Im Laufe des 12. Jh.shatte der Handel der größeren Städte, besonders der rheinischen, einenbedeutenden Aufschwung durch den internationalen Verkehr genommen.Für die Gewerbe trat eine Steigerung des Wohlstandes ein und die zünftigenHandwerker befreiten sich von der Vormundschaft des Adels, der Patrizierund reichen Kaufherren. In den Zunftkämpfen seit der zweiten Hälfte des13. Jh.s gewannen die Handwerker und Bürger Zutritt zu der städtischenVerwaltung. Mit dem Aufstieg des Bürgertums begannen die Anfänge

1 Klagen üb. zunehmendes dörperisches Be-nehmen der Ritter u. Schilderungen ihres rohenLebens seit der Mitte des 13. Jh.s zeugen vomVerfall der zuht: Rud. v. Ems im Wilhelmv. Orl. 9793 ff.; Renner 8572280 (bes. 880 ff.1179 ff.); bes. in Oestreich: Strickers Frauen-ehre, die Herren v. Oesterreich, Ulr.s v.Liechtenstein Frauenbuch, Meier Helmbrecht,die Satiren des Seifrid Helbling, bes. 1, 90 ff.{ed. Seemüller S. 17ff.); Klagen üb. die gute

alte Zeit: Petersen S.3ff.; Burdach, Acker-mann S. 254. Rückgang des Verständnissesfür die Dichtkunst: Konr. v. Würzburg, MarnerXV, 14(ed. Strauch S. 124f.); Renner 1618399. Klage üb. die Roheit des Rittertums istübrigens ein altes Thema; schon bei Heinr.v. Melk, Erinnerung 354 ff. (vgl. Seemüller,ZfdPh. 19,369), ähnlich wie bei Rud. v. Emsim Wilhelm. Klagen üb. d. Niedergang derKunst: Vietor, Beitr. 46,119 ff.