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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 7. Entwicklung der deutschen Literatur (11701300). Die höfische Dichtung 25

die Heimstätten der deutschen Wortkunst, sondern die Höfe. In dieser Ver-weltlichung der Dichtung, womit auch eine große Erweiterung des Stoff-gebietes stattfand, liegt der Hauptunterschied gegenüber der schriftlichverbreiteten Literatur der ahd. und frühmhd. Zeit. Frau Welt mit ihrer Da-seinsfreude kleidete sich in den Schmuck der Poesie und gewann in einerverweltlichten Zeit leichte Herrschaft über die Neigungen nicht nur derLaien, sondern auch vieler Geistlicher. Aber wenn auch ein ängstlich frommesGewissen diese Weltfreudigkeit als eiteln, das Seelenheil gefährdenden Tandverurteilen mochte, so erkannte doch die herrschende Meinung die Er-zählungen der höfischen Romane als Bildungswerte an, die mithalfen, den Wegzum Guten zu bereiten. Ein Gegensatz zwischen geistlicher und weltlicherLiteratur bestand nicht, unter den Abfassern höfischer Werke befindet sichmancher Kleriker oder geistlich Erzogene und umgekehrt war die religiöseLiteratur nicht das Sonderarbeitsfeld nur der Geistlichen, sondern auch ritter-liche Dichter wandten sich ihr zu.

Das Wunderbare in diesem fast plötzlichen Emporstieg der neuen Dich-tung geschah in dem Aufleuchten einer starken poetischen Kraft in demGeiste der höfischen Gesellschaft. Diese Laien trugen ein hohes Standes-ideal in sich und wußten das Wort zu finden, ihm den passenden Ausdruckzu verleihen.

Ein vielseitiges geistiges Leben entfaltet sich in den Romanen und imMinnesang. Viele dieser weltlichen Dichter hatten sich eine über das ge-wöhnliche Maß hinausgehende Bildung 1 erworben, einige vielleicht in einerKloster- oder Stiftsschule. Wohl alle aber besaßen sie durch Reisen, Auf-enthalt an Höfen und in geistig angeregter Umgebung einen erfahrenenWeltblick. Die meisten auch waren in der deutschen und französischen Lite-ratur und in den notwendigen Lehren der Religion bewandert. Und wennes einem oder dem andern auch an elementaren Kenntnissen gebrach (Lesenund Schreiben gehörte nicht zu der üblichen Rittererziehung), so half dar-über eine natürliche Auffassungsgabe und das instinktive Lernen aus per-sönlichem Umgang hinaus. Vornehmlich waren es die Ministerialen, diediese neue Dichtung zur Blüte brachten. Sie eben besaßen durch ihre Er-ziehung für den Herrendienst und ihren Hofberuf einen besonderen Gradvon allgemeiner Bildung. Viele der mhd. Dichter, darunter Hartmann, Wolfram,Walther, gehörten diesem niederen, unfreien Ritterstande an.

In der Geschichte der Kultur liegen die Bedingungen für die höfischeDichtung in Deutschland. Sie ist durchaus eine Nachahmung französischerVorbilder: aus dem Süden Frankreichs stammt der Minnesang, aus demNorden kam das höf. Epos. Bei der Gleichartigkeit der ebenfalls aus Frank-reich stammenden Hofsitte fand diese franz. Literatur leicht Aufnahme in

1 Ueb. die Bildung der mhd. Dichter s.Wackernagel, LG. I 2 S. 136 Anm.43 a . 44.45, auch S. 134Anm.34.35. Ehrismann,Stud. üb. Rud. v. Ems; K. Vietor, Die Kunst-

anschauung der höf. Epigonen, Beitr. 46,85 124; Meissner, Festschr. für Walzel, 1924,.S. 24 ff. (Der Dichter als Enthusiast).