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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 6. Die höfische Morallehre 21

kettet, ein Treuband, so stark wie das zwischen dem Herrn und seinemlieben Mann. Statt der Mannentreue ist hier die Minnetreue die innereMacht, die den Gang der Handlung bestimmt. Aber die Minne hat ihrenUrsprung in der Schwüle der Sinnlichkeit, die Treue ist der unverbrüchlicheBestand eines charakterfesten sittlichen Bewußtseins.

Die Minne als höfisch konstruierte Form der Liebe ist für deutsches Em-pfinden ein fremdes und fremdartiges Wesen. Sie ist ein romanisches Er-zeugnis, wie die ritterlich höfische Kultur überhaupt, ein Stück der höfischenGalanterie der südfranzösischen Trubadur. 1 In Südfrankreich spielte die Fraueine selbständige Rolle in der Geselligkeit. Die Frau war der Mittelpunktdes Hofkreises, tonangebend für die an ihm herrschende höf. Lebensart, diecortezia, frz. corteisie, die hövescheit. Die Frauenhuldigung erhielt einenhöheren Nimbus durch die Kunst, den Minnesang. In der Sprache der Ga-lanterie war der Herr def Dame gehorsam, er diente ihr, wie der Lehens-mann dem Herrn, ganz im Geiste des MA.s, in dem die persönlichen Be-ziehungen in die ständische Gliederung des Lehenswesens eingespanntwaren. Mit den gesellschaftlichen Verhältnissen hing es zusammen, daß diein Liebe umworbene Dame zumeist eine verheiratete Frau war.

Der Hofdichter richtet sein Lied an die Gesellschaft, er wird von ihr auf-gefordert zu singen, zur Unterhaltung, zur Erhöhung der Stimmung, zurBelebung der Hofesfreude oder zur Erweckung sentimentaler, schmerzlicherGefühle. So ist das Lied nur ein geistreiches Spiel, der Minnesang ist Ge-,sellschaftsdichtung. Aber gewiß sind viele Lieder mehr als bloße Kunst-stücke zum Vergnügen der feinen Herrn und Damen, es sind darunter auchzahlreiche wahre Herzensbekenntnisse, die wirklich aus innerem Erlebnis her-vorgegangen sind, bestimmt einzig für die Geliebte, nur für sie gesungenund nur ihr bekannt gegeben. 2

Wo die Minne im Mittelpunkt der Höfischheit steht, da ist sie auch dieerziehende Macht, die Bewirkerin aller Tugenden, 3 sie veredelt die Sittenund den Charakter. Und in der Tat hatte die Minne, hatte der Verkehr mitgebildeten Frauen einen mildernden Einfluß auf die rauhen Manieren deszum Kriegsdienst erzogenen Mannes. Das Wesen der Minne, ihre Eigen-

1 Wechssler, Kulturproblem pass., bes.S. 153 ff., wo weitere Lit. Entstehung der prov.Minnedichtng aus d. arabischen Hofpoesie:Burdach, Ueb. d. Ursprung d. m.alterl. Minne-sangs, Liebesromans u.Frauendienstes, Preuß.Ak.1918,9941029.107298; s.auch Singer,Abhandl. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 13. Die Be-ziehungen zwischen den südfranz. u. den ara-bischen Höfen Spaniens vermittelten Einflüsseder arabischen Hoflyrik auf den provenzal.Minnesang. Doch gehört die Galanterie gegendie Damen zum keltisch-gallischen Naturell,darum könnte die poetische Liebeshuldigungder Trubadur in ihren Ursprüngen eine spon-tane Aeußerung des Volkscharakters sein.

2 Die provenz. Trubadur waren sehr ver-

schiedener Herkunft, zum Teil waren es adligeHerren, die aus bloß höfischer Galanterie oderin der Absicht, die Liebe der Frau eines an-dern für sich zu gewinnen, dichteten. DieMehrzahl waren arme Ritter, Bürger, Kleriker,die an fremden Höfen herumzogen u. dasDichten als Gewerbe betrieben (joglars, frz.Jongleur), Hofdichter, die die Herrin um Lohnbesangen, wenn auch mancher geheimeWünsche haben mochte. Vgl.WECHSSLER, bes.S. 109.

3 Aus den zahlreichen Stellen sei hier her-vorgehoben der Baum der Liebe im Breviarid'amor des Matfre Ermengau, Suchier-Birch= Hirschfeld, Gesch. d. frz. Lit. I 2 , 1913,S. 93, mit Abbildung.