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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Einleitung

Kriegers, des ritterlichen Mannes. Die Ehre ist sein höchstes Gut. Aber dieEhre des mittelalterl. Ritters beruht nicht allein, wie der Ruhm des ger-manischen Recken, in seiner Tapferkeit, in der Bestehung von Kämpfenund Abenteuern, sondern sie ist überhaupt die notwendige Eigenschaft seinesCharakters. Der Begriff ere ist ein Bedeutungskomplex, dessen Kern dasGefühl des sittlichen Selbstbewußtseins ist: es ist in weitestem Sinne diesittliche Persönlichkeit, der sittliche Charakter, die Ehrenhaftigkeit, Rein-haltung des Charakters in jeglicher Handlung; in minderem Werte ist ere einäußeres Gut: hoher Rang, Würde, Stand, Reichtum, die zu standesgemäßemAuftreten verpflichten. Dieser subjektiven Beschaffenheit entspricht objektivdie von der Umgebung dem ehrenhaften Charakter oder dem besonderenRang gezollte Ehrung, Hochschätzung, Auszeichnung,Ruhm und Ehre";die ere erwirkt Ansehen, werdekeit.

In dem humanen Zug der höfischen Gesittung lag es, daß das kriege-rische Handwerk rücksichtsvollere Formen annahm. Ritterlichkeit gegen denGegner, Barmherzigkeit gegen den besiegten Feind waren geboten (Parz.174, 25 ff.), in den Kreuzzügen lernte man den Edelsinn der islamischenRitterschaft kennen und damit Toleranz 1 üben auch gegen die Heiden. Wutund Roheit im Kampf, im Turnier und Waffenspiel 2 wurden gemäßigt durchfeinere Regeln. Zu diesem männlichen, kriegerisch-ritterlichen Ideal tratin der eigentümlichen Gesellschaftsform der Courtoisie ein weibliches, frauen-haft-höfisches, die Minne.

Die Minne gibt diesem ganzen Kulturbild den eigenartigen Farbenton.Sie ist das ausgesprochen höfische Element, das Reizmittel zur Galanterie,der Untergrund der Höfischheit (courtoisie). Mit ihr ist der höfischen Ge-sellschaft ein neues Ideal aufgegangen, an Stelle des germanischen Prinzipsder Mannentreue tritt der romanische Frauenkult. Die vorhergehendedeutsche Epik kennt die Frauenliebe als tiefgehende Leidenschaft noch nicht,sie fehlt ganz im Rolandslied, im Straßburger Alexander begegnen Andeu-tungen einer höheren Schätzung der Minne, 3 als fabulistisches Thema wurdesie behandelt in der Kaiserchronik, und zwar hier novellenhaft, und in denWerbungssagen als Abenteuer von Empfindung war dabei wenig die Rede.Jetzt aber bekamen die Minneszenen einen gesteigerten Gefühlswert, zu-weilen eröffnen leidenschaftliche Minnegespräche einen tiefen Einblick indie Herzen der Liebenden und in ihr sinnliches Begehren. Und diese Leiden-schaft ist dann keine verflackernde Flamme, sondern eine in Feuer ge-schmiedete Fessel, die die von Minnenot Besessenen dämonisch zusammen-

1 H. Naumann, Der wilde u. d. edle Heide,Festschr. f. Ehrismann, S. 80101.

2 Alw. Schultz, Höf. Leben 1 53.256.576, II106 ff. 154«.; Fel. Niedner, Das dt. Turnierim 12. u. 13. Jh., 1881; Bode, Die Kampfes-schilderungen in d. mhd. Epen, Greifsw. Diss.1909, S. 221-26; Petersen S. 165-80.

3 Die Macht der Minne schon im Ruodlieb,

s. LG. I, 404, u. im Straßb. AI. 5381 ff. 6254 ff.,vgl. Vogt, MF. 1., 2. u. bes. 3. Aufl., Anm. zu73,7; Kaiserchr. 1265f. 4607ff. Tougen (heim-liche) minne schon im Straßb. AI. 2788 f.3362 f. u. Kinzels Ausg. Anm. S.480, ferner6246, wlben dienen 2918 f.; zum Ruodliebvgl. Burdach, 44. Phil.vers. in Dresden 1897,S. 28 ff.