§ 6. Die höfische Morallehre 19
gelesen und in Handschriften wurde es buchmäßig weiterverbreitet. 1 DieLieder mochten sich mit der Melodie wohl länger im Gedächtnis einzelnererhalten haben und auswendig vorgetragen worden sein.
§6. Die höfische Morallehre 2
Der' neue ritterliche Geist hat einen neuen, veredelten Menschentypus ge-schaffen, der sich durch feinere Gesittung erhob über den altmodisch gewalt-'tätigen Recken und den bäurisch ungeschliffenen Landedelmann. Ein Zeitalterder Humanität ist angebrochen, der schönen Menschenbildung, die, begrenztauf einen engen Kreis von Standesbevorrechtigten, wie alle zarte Blüte raschverwelkte. Wir können uns heutzutage nur schwer hineinversetzen in dieEmpfindungswelt jener Gesellschaft, aber die hohen Werte, die sie erstrebte,die Formen, die sie sich gab, erregen unsere Bewunderung über das Maßder Bildung, das die ritterliche Aristokratie durch das Gefühl für das Schick-liche erreicht hat. In der Dichtkunst, besonders im höf. Roman, hat dieserneue Kulturgehalt Gestalt und Deutung gewonnen.
Das erste Erfordernis für den bei Hofe geltenden Verkehr ist die zuht,d. i. Erziehung zur Hofsitte, zur hövescheit, also Wohlgezogenheit, Bildung,feine Sitte, Sittsamkeit, Liebenswürdigkeit in aristokratischer Verachtung derdörperte, der bäurischen Ungeschlachtheit, Grobheit, Tölpelei; aber darüberhinaus ist zuht auch die Erziehung zur Moral, zur Sittlichkeit. In dieserHinsicht trifft zuht mit tugent überein, denn mhd. tugent (zu touc taugen,tüchtig sein) bedeutet Tüchtigkeit jeder Art, nicht nur sittliche Vollkommen-heit (virtus), sondern auch gesellschaftliche Fertigkeit. Zuvörderst ist die zuht(vuoge) Anstandslehre und gibt Vorschriften des guten Tons, des schönenGebarens, der süßen Rede. Eine konventionell geregelte Etikette kleidetden Umgang in gefällige Formen. Herren und Damen beobachten die rech-ten Manieren beim Grüßen, beim Empfang, in der Unterhaltung, beimAbschied.
Die unbedingte innere Kraft zur Leistung der tugent ist die mäze, 3 dasist das Maßhalten, die Einhaltung des richtigen Mittelwegs, die /nEoÖTrjg desAristoteles, das prjdev äyav. Mäze hat aber auch den Sinn von Mäßigung,Dämpfung der Leidenschaften durch den sittlichen Willen, Selbstbeherrschung,und dann ist sie die Kardinaltugend der Temperantia, die aaxpgoavvri Piatos.
In zwei hohen Werten ist das Ritterideal der höfischen Dichtung dar-gestellt, in Heldentum und Minne. Tapferkeit, Unerschrockenheit, Er-probung des Mannesmutes, Heldentum also ist die Kardinaltugend des
1 Da die Schreiber oft ungenau und ohneSorgfalt arbeiteten, ist die handschriftlicheUeberlieferung eines Werkes häufig rechtmangelhaft. Die Handschriftenkunde undText-kritik bildet die Grundlage der philologischenArbeit in der mhd. Lit.gesch. Ihr ist deshalbin diesem Lehrbuch jeweils ein besondererAbschnitt eingeräumt.
2 Literatur s. unten, bes.bei Hartmann, Wolf-ram, Gotfrid.
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3 Mhd.Wb. II, 1,206; ZfdA.56,148f. 151 f.—Muoter aller fügende gezimet wol der ja-gende, Mäze ist siu genant, DiuMäze (Ged.),Germ. 8,97, 1—3. — W. Hermanns, Ueb. d.Begriff d. Mäßigungin d.patrist.-scholast. Ethikvon Clemens v. Alexandrien bis Albertus Mag-nus (mit Berücksichtig, seines Einflusses aufd. lat. u. mhd. Poesie), Bonner Diss. 1913;Wechssler S.44ff. {mäze = prov. mezura);H. Naumann, Dt. Vierteljahrsschr. 1,139 ff.