§ 5. Aufnahme der höfischen Kultur und Literatur in Deutschland
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In der Entwicklung des franz. Geisteslebens lagen die Gründe für dieseHochkultur des MA.s. Frankreich war das Heimatland der cluniacensischenReformbewegung, der Scholastik, der Kreuzzugsbegeisterung. Das mittelalterl.Rittertum fand seine eigenartige Ausprägung in dem gallo-französischen Feu-dalismus, wozu vom Süden noch die Einwirkung der arabischen KulturSpaniens kam. Frankreich hatte die geistige Führung seit dem 11. Jh., vonhier gingen die schöpferischen Anregungen aus und befruchteten die Nachbar-länder, besonders auch Deutschland, mit den neuen Ideen. Höfische Dich-tung und gotische Baukunst mit ihren für die mittelalterl. Romantik socharakteristischen Formen sind Auswirkungen französischer Phantasie.
In den kleinen Höfen des südlichen Frankreich liegt der Ursprung derhöf. Kultur, die in der Minnedichtung der Trubadur ihre Blüte erreichte.Im Rittertum erwuchs eine neue feinere Laienbildung, die in das Formen-spiel des MA.s den so eigenartigen Zug des höfischen Frauendiensteseinwob. Bald wurde die neue feine Sitte und mit ihr das Minnewesen vondem hohen Adel Nordfrankreichs aufgenommen und dort zu einem nachRegeln festgesetzten System ausgebildet. Die weit gefeierte Königin von Frank-reich, Eleonore v. Poitou, 1 Ludwigs VII. (1137—52), später Heinrichs II.von England Gemahlin, die Enkelin des südfranz. Grafen Wilhelm IX. v. Poitou,des frühesten uns bekannten Trubadurs, schuf an ihrem Hofe das Vorbildeines solchen durch courtoisie und Dichtung veredelten Gesellschaftslebens.Ihr und anderen Fürstinnen und hohen adligen Herren Frankreichs verdanktedie höf. Epik in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s ihren großartigen Aufschwung.Ein seltsames Bild der in jener Aristokratie geltenden Anschauungen von derMinne gibt der Hofkaplan Andreas, der diesen Kreisen nahe stand, inseinem Buch über die Liebeskunst, 8 in dem verschiedene jener vornehmenDamen als Autoritäten in Liebesfragen zitiert sind.
§ 5. Aufnahme der höfischen Kultur und Literatur in Deutschland
Die Vermittlung zwischen französischem und deutschem Kulturleben fielhistorisch den Grenzlanden am Nieder- und Mittelrhein zu. Die alte ProvinzLothringen stand seit dem Karolingerreich in nächsten geistigen und wirt-schaftlichen, auch politischen Beziehungen zum Rheinlande. Am frühestenin Deutschland nahm am Niederrhein das Rittertum die modernen Formenan. Die Rittersprache selbst bezeugt diesen niederfränk. Ursprung: das Wortrltter stammt aus dem Vlämischen, Flandern war die Wiege des Ritter-tums; ebenso kennzeichnen sich die Ritterworte wäpen und dörper (nhd.
1 Voretzsch, Einführung in d. Stud. d. afrz.Lit., Reg. unt. Eleon. v. P.; Schurr, GRM. 9(1921), 104;R.KiESSMANN,Untersuchungenüb.d.BedeutungEleonorensv.Poitouf. d. Lit. ihrerZeit, Qymn.progr. Bernburg 1901. — SieheMinnesang LG. II, 3.
2 Andreae Capellani regii Francorum DeAmore libri tres, rec. E.Trojel, Havniae 1892;Ders., Middelalderens Elskovshoffer (Liebes-Deutsche Literaturgeschichte III 2
höfe), Kopenh. 1888; Andr.Cap., DreiBücherüb. d. Liebe (tractatus amoris), übers, von H.M. Elster, Dresd. 1924. Vgl. das Liebeskonzil,unt. bei Hartm. v. Aue. — Die weltl. Minne-lehre des Kaplans ist nachgebildet den theo-log. Bestimmungen üb. die Ehe, wie sie Hugov. St. Victor in seiner Summa SententiarumTract. sept. De sacramento conjugiigibt (Migne176,153 ff.).