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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 2. Die Antike in der Blütezeit des Mittelalters 13

gehört. Einen mittelalterl. Humanismus im Sinne einer geschlossenenBildungsgemeinschaft, die als kulturelle Macht einen Teil des gesamtengeistigen Lebens beherrschte, ein Wiederaufleben der Antike hat es nichtgegeben, doch aber traten nicht gar wenige Männer hervor, die tiefer indie antike Geistes- und Formenwelt eingedrungen waren und von ihr An-regung zu eigenartigem literarischen Schaffen erhielten. Die Werke dieser'Humanisten' zeichnen sich durch eine gewählte Sprache aus, die bei man-chen sich zur asianischen Manier versteigt: Hildebert v.Tours (10561133),berühmt als versgewandter Dichter, besonders aber auch durch seine welt-liche Morallehre; 1 Johannes v. Salisbury, der in seinem Polycraticus sivede nugis curialium (1159) dem Hofleben, dem Königtum und dem Adeleinen Spiegel vorhielt; Alanus de Insulis (Lille, ca. 11201200), der bewun-derte Doctor universalis, der in seinem Anticlaudianus, die Natura als vonGott beauftragte Schöpferin des Weltalls vorführend, ein großes Wissenschafts-bild entwickelt und in seinem Liber de planctu Naturae einen düstern Ein-blick in die Verworrenheit menschlicher Moral eröffnet. Besonders manieriertist der Stil in des Engländers Galfrid v. Vinesauf Poetik (Nova Poetria, 1195) undin des Johannes v. Garlandia Ars lectoria (um 1234). 2 In der Historiographiemacht sich der Einfluß römischer Geschichtschreiber schon deshalb.vielfachgeltend, weil sie als Muster für historischen Stil und Technik benutzt wurden.DieserHumanismus" war beschränkt auf den eingeweihten Kreis derGelehrten. Viel weitgehender, tief ins Volk, wirkte die antike Unterhaltungs-literatur, Alexandersage und Trojanersage aus der griechischen Geschichte,Apollonius v.Tyrus und Flore und Blanscheflur aus dem griechischen Romankommend gelangten als Erzählungsstoffe zu weitester Verbreitung, Vir-gils Aeneis, in höfisches Kostüm gekleidet, wurde ein Muster eleganterRitter- und Minnepoesie; 3 weniger leicht ließ sich die mythologische Weltvon Ovids Verwandlungen in mittelalterl. Anschauungsweise umdeuten undder Versuch fand wenig Erfolg beim Publikum. 4 Eine Fülle von Einzel-motiven drang aus dem griechischen Roman in die französische und vonda in die deutsche Erzählungsliteratur und diente als Beiwerk zur Belebungder Technik. 5 Griechische Literaturformen erhielten sich, mit christlichemInhalt erfüllt, weiter, nachdem das Heidentum längst untergegangen war: dieErzählungsart der apokryphen Evangelien, der christlichen Legenden schloßsich an die Typen der griechischen Wundererzählungen (ägnaloyla) an. 6

Aeneis entstanden. Die Kelten hatten nur

1 Die ihm zugeschriebene Moralis philo-sophia ist indes wahrscheinlicher ein Werk Wil-helms v. Conches (Schönbach, Anz. 17,344).

2 Kuno Franke, Schulpoesie; NordenS. 727 f. 741 ff.; Edm. Faral, Les Arts poeti-ques du XII 0 et du XIII» siecle, Paris 1924;Ehrismann, Rud. v. Ems S. 73 ff. Ein dermhd. Lit. naheliegendes Beispiel für den Klas-sizismus ist der Liebesbriefsteller Wernhersv. Tegernsee, MF. 3, 1 Anm.

3 Der Typus des m.alterl. Epos ist überhauptunter dem Einfluß und Vorbild von Virgils

epische Lieder undProsaerzählungen, die Ger-manen das epische Lied. Unmittelbar ist Vir-gils Einwirkung bei Ekkehards Waltharius zuersehen.

4 Siehe unten Albr. v. Halberstadt.

5 Burdach, 44. Phil.Vers, zu Dresden 1897,S. 28ff.; Ders., Preuß. Ak. 1918, S. 1086 ff.;Roethe, Vom Altertum z. Gegenwart, S. 152 ff.

6 R. Reitzenstein, Hellenistische Wunder-erzählungen, 1906, S.9ff.; ErwinRohde, Dergriech. Roman.