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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Einleitung

Welt. Die große Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentumvollzog sich schon im sinkenden Altertum, im Römerreich selbst. Als derrömische Staat als politische Macht unterging, übernahm die römischeKirche das Erbe, die Nachfolge in der Weltherrschaft auf geistigem Ge-biet. Und hier klafft der Riß zwischen den beiden Perioden, zwischen An-tike und Mittelalter: der Gegensatz zwischen dem natürlichen Menschen-tum des Klassizismus und dem Supranaturalismus des Christentums.Bei dieser Umwandlung der Wertstellung vom höchsten Gut, dort das guteLebenslos, hier die himmlische Seligkeit, konnte die Antike auf die Ideedes Christentums keinen Einfluß haben, aber sie lebte in Wissenschaft undKunst weiter als allgemeines, der christlichen Weltanschauung dienendesKulturmittel: in der über den Volkssprachen stehenden Kirchensprache (Latein);in der Philosophie der Scholastik, die ihre theologische Vernunftlehre aufden Begriffen zuerst des Piatonismus, dann des Aristotelismus errichtete; indem mittelalterl. System der aristotelisch-ptolemäischen Kosmographie; in derromanischen Baukunst, Plastik und Malerei; im Schulsystem der Septemartes und in der darauf beruhenden Klosterbildung.

In den literarischen Studien des Schulunterrichts lernte man die lat. Autorenkennen 1 und die Methoden der Rhetorik und Stilistik. 2 Vor allem aberhatten antike Ideen den Geist des Christentums schon in der Frühzeit be-fruchtet, der Neuplatonismus und Cicero und Seneca haben nie aufgehört,ihre sittliche Wirkung auch auf das Mittelalter auszuüben. Am meisten ge-lesen waren unter den lat. Dichtern Virgil, der als der größte anerkanntwurde; Ovid als Meister der Liebeskunst für die höf. Minnelehren; Horazwegen seiner Poetik, Ars poetica. 3 Cicero (oft Tullius genannt) und nebenihm Seneca gaben die Grundlagen ab für das weltliche Moralsystem, dieMoralis philosophia; als Moralisten waren auch Juvenal und Persius sehrempfohlen; unter den Historikern Lucanus als Meister der hohen Schreibart.Für den Anfangsunterricht diente besonders die Grammatik des Donatus.Das Studium der lat. Schriftsteller wurde nicht nur wegen des Inhalts ihrerWerke, sondern wesentlich der guten Sprache und des Stiles wegen be-trieben. Besonders Ciceros rhetorische Schriften galten hier als Lehrbücher.Letzten Endes aber war die Beschäftigung mit den klassischen Schriftstellernwie alle weltliche Wissenschaft als scientia saecularis nur ein v vorbereitendesMittel zum höheren Aufstieg nach der Wissenschaft vom Göttlichen, dersäpientia caelestis.

Von der Renaissance Karls d. Gr. und der wissenschaftsfreundlichen Re-gierung Karls d. Kahlen an haben klassizierende Bestrebungen nie auf-

1 Lat. Lit.gesch. des MA.s: Conradi Hirsau-giensis (ca. 10701150) Dialogus super auc-tores sive Didascalon ed. G. Schepss, 1889;Hugo v. Trimberg, Das Registrum multorumauctorum, Wiener SB. 116 (1888), 145 ff.

2 Norden, Antike Kunstprosa; Ehrismann,

Stud. üb. Rud. v. Ems, Beitr.z. Gesch. d.Rhe-torik u. Ethik imMA.,Heidelb.SB.1919,8.Abh.,u. Festschr. f. Braune, 1920, S.21H.3 Burdach, Ackermann S. 224 ff. 288.304.