§ 1. Die geistigen Grundbedingungen 9
war auch die Psychologie durchaus dualistisch, war' ein anthropologischerDualismus zwischen Leib und Seele. Im Menschen sind zwei Naturen ver-einigt: 1. eine niedere, sinnliche, vergängliche, mit dem Tode aufhörende,der Leib, corpus (oder das Fleisch, caro), mit den Gliedern, den fünfSinnen und dem Herzen, dem Sitz der Leidenschaften und Begierden;2. eine höhere, geistige, unvergängliche, den Leib überdauernde und in dieEwigkeit fortbestehende, die Seele, anima (auch spiritus, Geist); 1 sie istgöttlichen Ursprungs und zur Seligkeit bestimmt, sie hat die Pflicht, ver-möge ihrer Vernunft den Leib zu regieren, aber leicht läßt sie sich durchdessen Lustbegierde zur Sünde verführen; dann wird sie von den Teufelnzur Hölle geschleppt.
Die Lehre vom tragischen Geschick der Seele hat höchstes Ahnentum inPlato: vom Reich der Ideen ist die Seele abgefallen und in den Körperals in ein Gefängnis verbannt. In der von Gott zur Materie absteigendenEmanation des Neuplatonismus, fteög, vovg, yjvxv, hat die Seele eine dop-pelte Beschaffenheit: die höhere ist die dem vovg zugewandte, zu den Ideenstrebende eigentliche Seele, die niedere ist die zur Natur, cpvotg, hinunter-ziehende Seele. 2 Im Neuen Testament, in den Briefen Pauli und im Logos-evangelium, bildet der schon alttestamentliche Gegensatz von Geist undFleisch, spiritus und caro, die Grundlage der moralischen Wertlehre: diesinnliche Natur des Menschen soll dem vernünftigen Teile, das Fleisch (dieBegierden, die Sünde) dem Geiste unterworfen werden (Matth. 26, 41;Joh. 3, 6. 6, 6^; Rom. 8,1 ff; die Stelle im Galaterbriefe 5, 16—18 nähertsich der Vorstellung eines unmittelbaren Gegenüberstehens zweier Wider-sacher). In der mittelalterl. gelehrten Psychologie treffen die altchristl.-dogmatischen Überlieferungen zusammen mit den klassischen Systemen desPlato (Neuplatonismus) und Aristoteles. Von Plato nahm man die ethischeDreiteilung der Seelenvermögen in anima rationalis (= Plat. vovg), irascibilis(= &v/j.6g), concupiscibilis (= Emftvjula) ; von Aristoteles die biologische Gliede-rung in anima vegetativa (die Seele als Lebenskraft), anima sensitiva (die durch
1 Augustinus, De Civ. Dei XIV Cap.2: ho-minis animus quid est nisi spiritus?; Isidor,Etymol. XI Cap. 1, 9, auch Hrab. Maurus,De Universo VI, 1 (Migne 111, 140): spiritumidem esse quod animam Evangelista pronun-ciat. — Anderweitig macht jedoch Aug. auche. Unterschied zwischen seelischem Leib u.geistigem Leib, corpus animale u. corp. spiri-tale, De Civ. Dei XIII Cap. 23, d.i. die niedere,die lebende Seele (animam viventem) u., alshöheres Vermögen, lebendig machender Geist(spiritum vivificantem), wie bei Plotin yvoigu. yvxv- Eine niedere u. e. höhere Seelen-tätigkeit unterscheidet auch ua. HrabanusMaurus De Universo VI, 1 (Migne 111, 139);ferner Hugo v. St. Victor DeSacr. (Migne 176,266): De duplici sensu animae: ut visibiliaforis caperet per carnem et invisibilia intusperrationem. Aehnl. Alanus, Dist. (Migne 210,
700): [anima] Dicitur sensualitas quae est po-tentia animae inferior . . . Dicitur ratio . . .,superior pars animae meae, ab appetitu terre-norum suspenditur et ad coeleslia erigitur.Siehe auch Hildebrand, DWb. aaO. Sp.2661 ff. — Drei Willensgrade: Hugo v.St.Vict,De Area Noe morali I (Migne 176, 633 f.): derWille des Fleisches (voluntas carnis), der derBegierde ungezügelt folgt; der Wille der Seele(vol. animae), der die zukünftigen Güter er-strebt, ohne die gegenwärtigen aufgeben zuwollen; der Wille des Geistes (vol. spiritus),der auf alle Lust des Fleisches verzichtet.2 Der Unterschied zwischen avdqwnog jirev-fianHos, der den göttlichen Geist hat, u. äv-flgauzos ipvxixos, der natürl. Mensch, der bloßSeele (Lebenskraft) hat, bei Paulus l.Kor. 2,14.15. vgl. M. Dibelius, DLZ. 1921, 724 ff.,wo auch literar. Nachweise.