8 Einleitung
besonders der der Franziskaner, traten in unmittelbare Fühlung mit dem Volkund gewannen stärkste Popularität und dadurch einen ungemeinen Einflußauf die volkstümliche Frömmigkeit, am meisten im Bürgertum der Städte.So entstanden auch Vereinigungen von Laien, die sich zu gemeinsamemfrommen Leben verbanden, Frauen- und Männervereine: die Beginen undBegharden in den Niederlanden und am Rhein, später, im 15. Jh., die Brüdervom gemeinsamen Leben. Aber auch gerade die bedeutendsten Häupter derscholastischen Wissenschaft gingen aus diesen Orden hervor, die Franzis-kaner Alexander v. Haies, ein Engländer (f 1245), der Italiener Bonaventura(geb. 1221), die Dominikaner: der Deutsche Albertus Magnus (1193—1280)und der größte, Thomas v. Aquino (geb. um 1225, f 1274).
Es war eine allumspannende Idee, diese Einheit der mittelalterl. Welt-anschauung, aber es war eine intelligible Größe, die niemals verwirklichtwerden konnte. „Das Charakteristische der mittelalterl. Weltanschauung be-steht darin, daß sie das Unvereinbare vereinigen will", 1 das Immanente mitdem Transzendenten. Ein Gesetz: Gott, Gottes Wille, Gottes Weltordnung;eine Religion, die sich über alle Gebiete des Lebens erstreckt; eine Theo-logie: die Wissenschaft von Gott; eine Philosophie: die Scholastik, die denWiderspruch zwischen Vernunft und Glauben souverän aufhebt in der Herr-schaft des Glaubens; eine Kunst: die im Dienste Gottes; ein Reich: dasrömisch-katholische Weltreich, das den Gottesstaat auf Erden repräsentiertund sich abspiegelt in der Hierarchie, dem Aufstieg der priesterlichen Ord-nungen, deren Spitze das Papsttum bildet, analog der supranaturalen Geister-welt der Engelhierarchien, die ihre Spitze in Gott hat. Und in dieser Ein-heit gibt sich das Individuum auf als Glied des irdischen Gottesreiches,dessen Gesetze traditionell bestimmt sind. Die Tradition beherrscht das ganzeGedankenleben des MA. Aber doch sind die Angehörigen dieses Idealstaateskeine unterschiedslose Masse. Jeder dient zwar der Einheitsidee in der gleichenForm, aber um sie ganz in sich aufzunehmen, muß er selbst in die tiefstenFalten der eigenen Seele dringen, er muß' ein verinnerlichtes Leben führen,nur mit der Selbsterkenntnis kann die wahre Gotteserkenntnis bestehen.Durch diese Sichselbsterarbeitung wird jeder einzelne eine Sonderpersön-lichkeit, und so ist in der christlichen Einheit die Individualität nicht auf-gehoben, sondern vielmehr in sich gefestigt. Jeder einzelne erhält seine Be-deutung in dem Kampfe um die gemeinsame Gottesidee. Ihr unverlierbarerWert erhebt die Menschenseele über das dumpfe Einerlei eines bloß vegeta-bilischen Massengeschicks.
Da das Christentum den Schwerpunkt auf den inneren Menschen legte,wurde die Psychologie im MA. ganz besonders gepflegt. Die Lehre vomVerhältnis von Leib und Seele, von den Kräften der Seele, ihrem Schick-sal im Jenseits war ein wesentlicher Bestandteil der kirchlichen Lehre undwurde im Dogma behandelt. Wie die gesamte christliche Weltanschauung1 Harnack, 3 1 - 2 S. 320; vgl. LG. II, 1, 3 f.