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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 1. Die geistigen Grundbedingungen 5

gehenden Frömmigkeit verschob sich, spaltete sich. Sie blieb nicht auf dieInteressen des kirchlichen Lebens beschränkt, auf die Herstellung einesMönchsideals, sondern sie griff darüber hinaus auf die großen weltpolitischenFragen. Durch Askese nicht allein das persönliche Seelenheil zu fördern,sondern das Heil der ganzen Christenheit zu begründen, war nun die Auf-gabe. Das letzte Ziel war die Verwirklichung des Gottesstaates auf Erdendurch die Weltherrschaft des Papstes. Das cluniacensische Problem war jetztasketisch und hierarchisch zugleich, es lautete: durch Weltentsagung zurWeltbeherrschung, durch Hingabe des ganzen, des seelischen und körper-lichen Menschen zur Durchsetzung der grandiosen Idee des Gottesreiches.Die beiden Triebe erzeugten die Kreuzzugsbegeisterung, aber der Imperialis-mus gefährdete die Frömmigkeit. Die Kreuzzüge weckten einen neuen welt-lichen Tatendrang, der Asketengeist erlahmte und das Rittertum erlangtedie Bedeutung einer historischen Triebkraft; was der Priester mit Wortenforderte, das machte der Ritter mit dem Schwerte zur Tat. Der Klerus ver-lor die unbedingte Führung im geistigen Leben, das Rittertum nahm teilan dem Aufschwung der neuen Zeit, wurde zu einem selbständig wirken-den Faktor in der Kulturgemeinschaft. Selbst die Bürger in den Städten ge-wannen an Einfluß, denn die Eröffnung des Orients erschloß neue Handels-gebiete und damit neue Quellen des Wohlstandes.

Die Steigerung der seelischen Energie, die um die Mitte des 11. Jh.s diemittelalterl. Geistesentwicklung vorwärts trieb, äußerte sich politisch und inder praktischen Ausführung in den Kreuzzügen, wissenschaftlich und theo-retisch in der Scholastik. Der mittelalterl. Geist erreichte seine spezifische,ihm eigentümliche Form in dieser Höheperiode des MA.s, die mit dem Auf-stieg der kirchlichen Idee in der Mitte des 11. Jh.s eingesetzt hatte, ihreBlüte eben jetzt erreichte in der theologischen Wissenschaft und der Aus-bildung der ritterlichen Kultur im 12. und 13. Jh. und mit dem Rückgangder beiden Triebkräfte im 14. Jh. abflaute.

Die Wissenschaft von 11801300. Der Gottesgedanke war die Zentral-idee des mittelalterl. Bewußtseins, der Glaube die oberste Norm. Darum wardie Theologie die unbedingte Herrin im Gebiete der Wissenschaften, dieandern Disziplinen waren ihre Mägde, das Wissen diente dem Glauben, derrationellen oder sinnlichen Erklärung der theologischen Lehre. Alle Dingesind aus der Theologie zu verstehen und aus ihr zu begründen.

Die theologische Wissenschaft der Zeit ist die Scholastik, die Philosophiedes MA.s. Mit dem Anfang des 13. Jh.s ist diese in ihre zweite Periodeeingetreten, deren führende Geister an Umfang des theologischen Wissensund an logischer Schulung ihre Vorgänger des 11. und 12. Jh.s noch über-trafen. Der Lehrmeister dieser Hochblüte der Theologie war Aristoteles,dessen Schriften erst jetzt durch Vermittlung der Araber in weitestem Um-fang bekannt und ins Lateinische übersetzt wurden (vorher waren von ihmnur logische Schriften, in lateinischer Übersetzung, verbreitet). Durch das