4 Einleitung
Sündenfall und Erlösung. Damit ist die Form der Menschheitsgeschichte be-stimmt als ein Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, Weltstaat undGottesstaat, zwischen Böse und Gut. Einen Sinn hat nach dieser Auffassungirdisches Geschehen, haben Natur und Menschenwesen nur in Hinsicht auf Gottund Ewigkeit; nach diesem Verhältnis ist Wert und Unwert des Daseins abzu-messen. Alles Geschaffene deutet auf seine Erfüllung im Jenseits, die Welt istnur ein gebrochenes Abbild, nicht die Wirklichkeit selbst, nur eine Allegorie,eine Auslegung für die ewige Wahrheit. Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.'-
Der strenge Dualismus findet seine Ausprägung nur in der Askese. Inder Weltwirklichkeit ist er gemildert als Gradualismus. Es besteht keineunüberbrückbare Kluft zwischen Welt und Gott, Weltliebe und Weltflucht,Sinnlichkeit und Sittlichkeit, sondern die geschöpflichen Dinge erscheinenals eine Stufenreihe von Seinsarten, die alle in der Hinordnung auf Gottgeschichtet sind. In der gottgesetzten Weltordnung hat jede Kreatur, habenauch die Berufsklassen und die einzelnen Menschen ihre Stellung, und derWert dieser sozialen und ethischen Menschheitsform ist abgestuft nach demnäheren oder ferneren Verhältnis zu Gott. 2
In der ersten Hälfte des eigentlichen MA.s, von Karl d. Gr. bis auf Gregor VII.,war der Zwiespalt in der geschichtlichen Entwicklung nicht aktuell geworden,da die Mächte, die seine historische Verkörperung bildeten, das Papsttumund das Kaisertum, nicht in Widerstreit standen; verhängnisvoll aber trat erin die Erscheinung durch den Kampf, den seit der Mitte des 11. Jh.s Kircheund Kaisertum um die Weltherrschaft führten. Die ungeheure Leistungs-energie, die der Kirche den Sieg errang, mußte aus dem Innern hervorgehen,mußte eine Selbststeigerung ihrer Idee sein, die Kirche mußte zum Bewußt-sein ihrer selbst gelangen. Die Substanz der religiösen Idee aber ist Frömmig-keit. Die Stärkung, Erhöhung, Hochspannung des religiösen Gefühls wardie Grundbedingung für die Kraft, vermöge der das Papsttum die Ver-körperung des religiösen Gedankens und die Erlangung der Weltherrschaftdurchsetzte. Dieser geschichtliche Prozeß hatte seinen Ursprung in der Re-form von Clugny (LG. II, 1, 1 ff.). Die Grundstimmung der von hier aus-
3. Aufl.; Hoops, Reallexikon; Michael, Gesch.d. dt. Volkes seit d. 13. Jh. bis z. Ausgang desMA.s, I 3 , 1925; Janssen, Gesch. d. dt.Volkesseit d. Ausg. d.MA.s, l.Bd., 19 u. 20.Aufl. vonL.v.Pastor, 1913. — Gust. Freytag, Bilder
aus d. dt. Vergangenheit (1859), 11. Aufl. Bd. 1u. 2, 1878; K. Weinhold, Die dt. Frauen ind. MA. (1852), 2 Bde., 2. Aufl. 1882; Alw.Schultz, Das höf. Leben z. Zeit d. Minne-singer, 2 Bde. 1879, 2. Aufl. 1889; Ders.,Deutsches Leben im 14. u. 15. Jh., 1892; Mor.Heyne, Fünf Bücher deutscher Hausaltertümervon d. ältesten geschichtl. Zeiten bis zum16. Jh., 1 Bd. Wohnung, 1899, 2. Nahrung, 1901,3. Körperpflege u. Kleidung, 1903, 4. D. ad.Handwerk, 1908.1 Freidank 12,9, s.Panzer,N. Jahrb.7(1904),152.
2 Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 2,681—720; Hennig Brinkmann, Diesseits-stimmung imMA.,ebenda2,721—52; Friedr.Neumann, Scholastik u. mhd. Lit., N. Jahrb.1922, 388—404. — Graduell (gradualistisch)ist auch die auf das aristotelisch-ptolemäischeWeltsystem sich gründende m.alterl. Kosmo-logie. Im Mittelpunkt der sich drehendenSphären steht die Erde fest, sie ist umgebenvon den neun Himmelskreisen: die siebenPlaneten, die Fixsterne, der Kristallhimmel,darüber wölbt sich als zehnter Himmel dasEmpyreum, derFeuerkreismitden neun Engel-chören, in dem Gott, das urbewegend Un-bewegliche, die Sphärenbewegung ordnet.Die erhabenste Darstellung hat dieses Welt-bild in Dantes Paradiso gefunden (Vossler 2 2 ,771 ff.).