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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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XI
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Vorwort

XI

Die geistige Leistung der Analyse wird oft unterschätzt. Im Kleinen dasGroße und Bedeutungsvolle zu erkennen, in der Einzelerscheinung dasTypische zu schauen, diese philologische Analyse, richtig aufgefaßt, trägtin sich die Keimzelle einer weitausgreifenden Synthese und hat in sichBedeutsamkeit. Nicht Analyse oder Synthese, sondern sowohl der eine alsder andere Weg gilt für das Wissenschaftsgebiet der mittelalterlichen Literatur-geschichte als methodische Forderung.

Der Beobachtungskreis des einzelnen Denkmals enthält verschiedene Pro-bleme, auf die sich der Literarhistoriker einstellen muß und aus deren Ver-folgung sich die Erklärung des ganzen Werkes ergibt. Die erste der fünfim vorhergehenden Bande angenommenen Ei ns t e 11 u n gen, die philologische,leistet die Vorarbeit, die zweite und dritte gelten dem Dichter, die vierte undfünfte seinem Werk. Einzelsachlichkeit und Zusammenfassung müssen sichverbinden. Sie werden in den fünf Einstellungen in verschiedener Stärke zurAnwendung kommen. Die philologische Beobachtung (I) haftet am meistenan der sinnlich greifbaren Erscheinung und arbeitet aufs einzelne hin, diezusammenfassende Idee des Ganzen, der ethische und metaphysische Ge-halt (V), wird letzten Endes ebenfalls durch philologische Hermeneutik her-ausgearbeitet. Der historischen Einstellung (II) ist in diesem Schema auchder gesellschaftwissenschaftliche Begriff desVolkes" zugeteilt. Der nationaleCharakter des Dichters und damit der in ihm ausgesprocheneVolksgeist"kommt bei der Stilvergleichung eines deutschen Werkes mit der französischenVorlage zur Geltung. Die Stilistik gewährt hier Aufschlüsse über Rassen-psychologie. Die Übertragung eines antiken Stoffes in die mittelalter-liche Gesittung ist höchst lehrreich für den Wandel desZeitgeistes". Ver-schleiert liegt das seelische Leben und die Charakterbildung der Menschen,deren Werke wir uns innerlich nahe zu bringen suchen (III). Das literarischeErlebnis, seine Stärke und der empfangende Augenblick können nur seltenbefriedigend erschlossen werden. Aber doch erlangt man in den WerkenHartmanns und Wolframs, weniger bei Gotfrid, durch verstreute Bemerkungen,persönliche Anspielungen, Äußerungen sympathischen Mitlebens mit denGestalten, die den Dichter beschäftigen, durch das Ethos des Stils unddurch andere, oft mehr nur fühlbare Merkmale einen bestimmten, wennauch nur leise charakterisierten Eindruck von den psychischen Elementenund der Gesinnung der schaffenden Dichter. Auch der ästhetische Be-standteil, das künstlerische Vermögen (IV), ist aus der Quellenvergleichungzu entnehmen. Die in der historischen und in der ästhetischen Rich-

wozu, außer den vorhin genannten Schriften,neu hinzukommen: Erich Rothacker, Ein-leitg. in d. Geisteswissenschaften, 1920; Pe-tersen, Mitteil. d. Gesellsch. f. Dt. Bildung5. Jahrg., Nov. 1924, S. 2729 u. Festschr. f.A. Sauer 1925; Merker, Zs. f. dt. Bildg. 1(1925) S. 1527; Ermatinger, Zs.f. Deutsch-kunde 1925 S. 241261; Friedr. Neumann,

D. Gliederung d. dt. Literaturgesch., inZwi-schen Philosophie u. Kunst" (1926) S. 1726;Klingenstein, Dichtung u. Unterricht, Münch.1925, S.10 27;Walzel, Gehalt u. Gestalt imKunstwerk d. Dichters, Berlin-Neubabelsberg1926; Ders., Das Wortkunstwerk, Leipz. 1926,dazu Seuffert, DLz. 1927, 453460.