Vorwort IX
zum Symbol geworden, aus diesem allgemeinen Grundgedanken erklärtsich jedes einzelne Dichtwerk, keines bleibt isoliert für sich, sondern allestehen durch manchfache Gedankenbeziehungen im Zusammenhang. Jedeseinzelne Gedicht veranschaulicht einen individuellen Vorgang, aber alle dieseLebensdarstellungen streben nach dem einen Ziel: Versinnbildlichung derIdee des Rittertums. Damit ist dieser literarische Abschnitt als organischerAusdruck des ritterlichen Geisteslebens gekennzeichnet; zugleich ist er einkausal bedingter Hervorgang aus seiner Zeit, denn diese ritterliche Dichtunghat ihre Möglichkeit in der historischen Lage: im Staatsleben ist der Ritter-stand zu starker politischer Bedeutung gelangt und eine erhöhte Bildunghat ihn befähigt, das Leben dichterisch zu sehen und zu gestalten.
Die wirksamen Kräfte in diesem poetischen Ritterbild sind Heldentum undMinne, nur ganz wenige der hier begriffenen Gedichte stehen diesem Vor-stellungskreis fern. Je nach ihrer Betonung neigt ein Gedicht mehr nachdem männlichen Interessenkreise (z. B. Trojanerkrieg, Eraclius) oder zu derweiblichen Seite (Tristanmotiv); die Spannung zwischen den beiden Trieb-kräften kann schicksalbestimmend für den Helden des Gedichtes werden.Gegenüber dem Thema des Rittertums tritt in diesem weltlichen Epos dasreligiöse Moment zurück und beschränkt sich als maßgebend auf die wenigenritterlichen Legenden.
Die wahren Dichter dieser Gruppe, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, tragenein Geheimnis in sich, die Sehnsucht nach einem in ihrer Einbildungskraftzur Wirklichkeit gewordenen Traumbild, den Drang zur Einheit mit dem All.
Die Gliederung des Stoffes in diesem Bande ergibt sich sachgemäßin „frühhöfische Epen" und in „epische Dichtung der Blütezeit", die Trennungbeginnt mit Heinrich v. Veldeke. Die Linie steigt aufwärts, von der nochaltertümlichen vorhöfischen Kunst, die im Herzog Ernst mit der voraus-gehenden frühmittelhochdeutschen Spielmannsdichtung und dem StraßburgerAlexander im Zusammenhang steht, zur Vorbereitung des neuen Stils durchVeldeke und dann, nach einem Auslauf auf die mitteldeutsche Dichtung, diezum großen Teil stofflich und landschaftlich sich an Veldeke anschließt, zurErfüllung in den drei Meistern Hartmann, Wolfram, Gotfrid.
In den einzelnen Werken kommen die verschiedenen Lebensformen derritterlichen Bildung zur Auswirkung, ihre Deutung ist die jeweilige Auf-gabe in der Behandlung der betreffenden Dichtungen. Die individualisierendeBetrachtung ist methodisch auch hier richtunggebend für die Anordnungdes Stoffes, zusammengehalten werden die Sonderheiten durch die Umrisse,die in den „Allgemeinen Voraussetzungen" (S. 3—36) gezeichnet und durchdie Beziehungen innerhalb der gruppenbildenden Einzelwerke angedeutetsind (ein Blick in das Register unter Hartmann, Wolfram, Gotfrid kann dieseAbsicht erläutern).
Übersichtlichkeit ist das erste Erfordernis für die Anordnung eines „Hand-buches", das praktische Lehrzwecke verfolgt. Sie richtet sich nach dem