VIII Vorwort
der altdeutschen Literatur in aufeinanderfolgenden sozialen Ordnungensich vollzieht: in der Führung lösen sich die drei Stände ab, Geistliche,Adel, Bürger, welcher Orientierung als örtliche Pflegestätten Klöster, Höfe,Städte entsprechen. Eine empfindliche Lücke aber klafft in diesem wohlgeregelten Schema: es ist nur aus der geschriebenen Herrenliteratur, derBuchliteratur, abgezogen, die im Volke gehende Unterströmung, die un-geschriebene Volksdichtung kennen wir bis ins 13. Jahrhundert hinein fastgar nicht. Den drei genannten Ständen ist damit die unständische oderzwischenständische Klasse der Spielleute zuzufügen.
In der Ausdehnung des literarischen Breiteverhältnisses geht eine Er-weiterung aus der Einförmigkeit des Althochdeutschen zur Vielgestaltungin der mittelhochdeutschen Blütezeit. Es ist das historische Gesetz derDifferenzierung. Im 13. Jahrhundert gewinnt dann die deutsche Sprachean sozialliterarischer Bedeutung, indem sie auch für wissenschaftliche Werkeverwendet wird, und es wächst eine deutsche Prosa heran, die in ihreeigenen stilistischen Formen gekleidet ist. So bewegt sich die sprachlicheDynamik der altdeutschen Literatur in einer fortschreitenden Selbständig-machung mit Loslösung vom Lateinischen.
Nicht mit einer harmonischen Vereinbarung des heimischen und fremdenElements gehen die literarischen Zeiträume ineinander über, sondern diesewerden jeweils abgelöst durch neue Kulturwellen. Der Humanismus Notkerswird vernichtet durch die Strenge des cluniacensischen Kirchentums, denalten Recken verdrängt der modische französische Ritter, die schöne Formder idealisierenden höfischen Kunst wird von dem realistisch charakteri-sierenden Sinn der bürgerlichen Zeit nicht mehr verstanden, die Renaissancebringt mit dem Humanismus die deutsche Geistesbildung wieder in Ab-hängigkeit von der romanischen Vorherrschaft.
Die Entwicklung der altdeutschen Literatur beruht somit in klarem Aufbauauf historischen Bedingungen und sozialpsychischen Triebkräften, für dieWirklichkeit fruchtbar gemacht wurden diese überpersönlichen Faktorendurch die einzelnen Persönlichkeiten, die ihnen die Erscheinungsform ver-leihen: Karl d. Große, Otfrid, Notker, Williram, Ezzo, der Pfaffe Konrad,Lamprecht, Heinrich v. Veldeke, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, Walther vonder Vogelweide, der Dichter des Nibelungenliedes, Berthold v. Regensburg,die Meister der deutschen Mystik.
Im Epos hat die ritterliche Kultur ihren umfassenden und zutreffendendichterischen Ausdruck gefunden, die Lyrik, der Minnesang, ist die charak-teristische Zuspitzung dieses eigentümlichen Bildungsinhalts, aber eben darumnur ein Ausschnitt aus dem höfischen Formenspiel. Die Manchfaltigkeitder einzelnen Erscheinungen, die im Epos entwickelt ist, wird zusammen-gehalten durch die Zentralidee: Darstellung des Rittertums in seinenLebensgefühlen und Lebensäußerungen. In den verschiedenen Lebensbildern,die diese Romane entrollen, ist die ritterliche Idee und das ritterliche Ideal