B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker iii. von St. Gallen. 447
Kraft, denn die schwierigsten Fremdbegriffe kleidet er in deutsche Formund deutsches Anschauungsvermögen. Aber auch er ist nur ein Glied einerlangen Entwicklung. Begreifen werden wir auch hier die außergewöhnlicheErscheinung aus ihrer Umgebung.
Für die Schule hat er sein Leben lang gearbeitet, aus ihr hat er auchseine besten Kräfte gezogen. Die Grammatik war das Fundament derWissenschaft, Grammatica est mater studiorum lautet der erste Satz dersieben freien Künste. Am Studium des Lateinischen hat der Klosterschülersein Sprachgefühl geschärft, an der Rhetorik und Dialektik die Fähigkeitdes abstrakten Denkens, die sichere Erfassung der Begriffe erworben. Dieunscheinbare, mühsame Glossenarbeit von zwei und einem halben Jahr-hundert war getragen von der Ehrfurcht vor dem Wort. Nicht vereinzeltsteht darum Notker in seinem Wortvermögen. 1 ) Das Beichtformular z. B.,das wir in der Bamberger und Wessobrunner Handschrift besitzen, enthälteine ganze Sammlung von abstrakten Worten und Synonymen.
Aber Notker besaß noch etwas mehr, was man nicht lernen kann undwas doch wieder in seiner Zeit vielleicht nicht ihm allein verliehen war.Man könnte es die Intimität zur Sprache nennen, ein vertrautes, herzlichesVerhältnis zu ihr. Er legt etwas von seiner Seele in die Sprache, und da-mit von der Volksseele. Er scheut sich nicht, den einfachen Umgangstonin den klassischen Stoff hineinzubringen. Sprichwörter entstammen diesemZug zum Heimischen. Sehr oft treten die Worte zwanglos in Stabreimenzusammen, in jener Form also, in welche der Deutsche von Alters herbedeutsame Rede kleidete.
Notker steht am Ende der althochdeutschen Zeit. Was die Glossatorenam Anfang derselben begonnen haben, ist in ihm Erfüllung geworden. Inder Übersetzung des einzelnen Wortes oder in der sklavischen Interlinear-version wurde die römisch-christliche Bildung zur Grundlage der deutschenWissenschaft. Notker hat diese elementare, lexikographische Methode vomZwang der bloßen Tradition gelöst und sie erhoben zu einer selbständigenwissenschaftlichen Ausdrucksformung. Aber zu einer vollen Befreiung vomLateinischen war die Zeit noch nicht gekommen, noch konnte das Deutscheals Gelehrtensprache das Lateinische nicht ersetzen. Hätte Notker seinelogischen Abhandlungen ganz deutsch geschrieben, so wären sie von Nie-manden verstanden worden. Erst die deutschen Mystiker konnten einedeutsche Philosophensprache schaffen, zwischen Notker und Meister Eckhartaber liegt die Schönheit und Erhabenheit der mittelhochdeutschen Dichtung,zwischen ihnen steht Wolfram von Eschenbach, dem es verliehen war, die
') Naumann S. 91 f. — Notker selbst mdst. accidens miteuuist. Sümelldie chedint
weist auf Vorgänger in der Uebersetzungs- substantiam eht. quod intelllgitur leht . i.
kunst hin: Sümelldie chedint substantia. aliquid, accidens mit ehte Cat. 1, 32 (Piper
däzter ist. accidens däz tarmite ist. Süme- I, 397, 21—25). Das also sind traditionelle
liehe chedint substantiam uöne uuesenne ' Schulerklärungen.