II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mittedes elften Jahrhunderts.
A. Einleitung.
Allgemeine Voraussetzungen.
§ 22. Die geistigen Grundbedingungen.
Mit der Gründung des fränkischen Reiches durch Chlodowech (481bis 511) war die Periode der Völkerwanderung für die deutschen Stämmeabgeschlossen. Seine Nachfolger breiteten dann ihren Einfluß auch überdie Stammesreiche der Thüringer, Alemannen und Bayern aus. Mit demMerowingerreich waren die Grundlagen für den mittelalterlich christlichenFeudalstaat vorbereitet: es sind die beiden großen Wandlungen; in derVerfassung der Übergang vom Volksstaat zum Lehensstaat, auf demreligiösen Gebiet die Überwindung des Heidentums durch dasChristentum. Dieses aber war die größte Umwälzung, die das deutscheVolk in seiner uns zu überschauenden historischen Entwicklung durch-gemacht hat. Mit der neuen Religion zog ein neuer Geist ein, die höchstenidealen Güter, Glaube und Sitte, wurden preisgegeben, was bisher göttlichverehrt wurde, war abscheulicher Trug, Schutz gewährte nicht mehr dersiegverleihende Kriegsgott Wuotan, sondern Christus, der von seinen Feindenverhöhnte Friedensfürst. Das Volksgemüt wurde umgestimmt. Den Wertdes Lebens fand der Germane in der Tapferkeit, dem Heldentum, für dieKirche aber war Ruhmesfreude das Urlaster des Hochmuts. Vom Hoch-mut zur Demut sollte der germanische Geist umgebeugt werden.
Die Vereinigung der romanisch-christlichen Weltanschauungmit der germanischen Eigenart ist die Aufgabe für das geistigeLeben des deutschen Volkes seit der Einführung des Christen-tums auf Jahrhunderte hinaus.
Neben der großen religiösen und staatlichen Umformung ging nocheine andere, weniger in das Leben einschneidende, eine sprachliche: diealthochdeutsche Lautverschiebung. Durch diesen Prozeß wurdendie Stämme äußerlich stärker geschieden, stärker individualisiert. Es ent-stand die Trennung des deutschen Sprachgebiets in Nord und Süd,in Niederdeutsch und Hochdeutsch, deren Trennungsgrenze — eine Linie,deren Grenzpunkte etwa sind: Aachen, Düsseldorf, Kassel, Magdeburg,Lübben an der Spree, Birnbaum — bis heute nahezu fest geblieben ist. DieMundarten der einzelnen Stämme werden durch gewisse Sonderheiten stärkermarkiert. Das Hochdeutsche zerfällt nun, für die ahd. Zeit, in das Ober-deutsche, das das Alemannische (Schwäbische), Bayerisch-Österreichischeund das Ostfränkische umfaßt, und in das Mitteldeutsche, das sich teiltin das Rheinfränkische, Mittelfränkische und Thüringische (die östlichenmitteldeutschen Gebiete, Obersachsen oder Meißen und Schlesien, treten erst