352 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
3. Lateinische Denkmäler des 10. und 11. Jahrhunderts.Die Dichtung der Ottonenzeit.
Von der Zeit der Ottonen an bis zum Schluß der althochdeutschenPeriode sind nur wenige deutsche Dichtungen überliefert. Die Volksliederwaren nicht literaturfähig und wenn sie auch, zu doch meist nur vorüber-gehendem Gebrauch, aufgezeichnet wurden, so wurden sie doch der Nach-welt nicht aufbewahrt, und die religiöse Dichtung scheint in deutscherSprache tatsächlich nur wenig gepflegt worden zu sein.
§ 73. Kleinere lateinische Dichtungen.
Die vier ersten der folgenden Gedichte tragen in der Überschrift dieBezeichnung „modus" Melodie, Weise, womit der Name der betreffendenWeise verbunden ist: Modus qui et Carelmannlnc, Modus florum, ModusLiebinc, Modus Ottinc. Es sind lateinische Gedichte, die in der Form vonSequenzen abgefaßt sind.
Die älteste und auch immer am meisten im Gebrauch gebliebene Formdes lateinischen Kirchenliedes ist der Hymnus, dessen Strophen gleichenBau, gleiche metrische Form und gleiche Melodie haben. Aber am Endedes 9. Jahrhunderts ging von St. Gallen aus eine neue Art des Kirchen-liedes mit ungleichen Strophen und wechselnder Melodie, die Sequenz, 1 )die in der Geschichte des Kirchen- und auch des weltlichen Gesanges vongroßer Bedeutung wurde. Die Erfindung der Sequenzen hängt zusammenmit Karls des Großen Bestrebungen um die Hebung des Kirchengesanges.Im Jahr 790 wurden ihm auf seinen Wunsch vom Papst Hadrian I zweirömische Sänger, Petrus und Romanus, zugesandt. 2 ) Diese führten imKirchengesang eine folgenreiche Neuerung ein, welche den Alleluia-Rufbetraf. In der Messe tritt nach der Vorlesung der Epistel, ehe die desEvangeliums beginnt, eine kurze Pause ein, während welcher der Chordas gewöhnlich den Psalmen entnommene Graduale singt. Dieser Gesangschließt mit einem dreimaligen Alleluia. Das letzte a wurde weiter fort-gesungen durch eine Reihe von Tönen ohne Text, als wortloser, aber dochin melodischen Modulationen gehaltener Jubelsang, welcher pneuma oderneuma, jubilus, jubilatlo, cantus jubilus, cantus jubilationis genannt wurde(s. oben S. 36), oder auch sequentia, weil er auf das Alleluia folgte. Diebeiden Genannten sind die ersten, von denen bestimmte Jubelmelodien
') Lachmann, Ueber die Leiche der I nischen Sequenzen des Mittelalters, Rostockdeutschen Dichter des zwölften und drei- | 1868; Wilmanns, Welche Sequenzen hat Not-
zehnten Jahrhunderts, Rheinisches Museum1829, Bd. III, 419-433 u. Kl. Sehr. S. 325-340;Ferdinand Wolf, Ueber die Lais, SequenzenundLeiche,Heidelbergl841,bes.S.29ff.ll7ff.;Anselm Schubiger, Die Sängerschule St. Gal-lens vom achten bis zwölften Jahrhundert,Einsiedeln 1858 (dazu Baechtold, Geschichteder deutschen Literatur in der Schweiz, An-merkungen S. 9); Karl Bartsch, Die latei-
ker verfaßt? Z. f. d. A. 15, 267—294; J. Wer-ner, Z. f. d. A. 36, Anz. 18, 344; Wilh. Meyer,Fragmenta Burana, Göttinger Festschrift 1901,145—186, u. Gesammelte Abhandlungen 1,1-58.
2 ) Ekkeharts Casus S. Galli IV, 47 und,davon abweichend, Der Mönch von S. Gallen1,10.