446 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
suffix l, das an Adjektiva antritt, darnach am häufigsten ist die Abstrakt-bildung mit -ida, dann folgen die mit -unga, -heit, -nissa, -öd, seltenersind -tuom und -scaft; bei Adjektiven besonders beliebt sind die Suffixe-ig und -lih. Auch durch Wortzusammensetzungen brachte er Neubildungenhervor.
Die deutschen Worte für neue Begriffe sind, wie es überhaupt die Regelin der Glossierungskunst war, entweder aus dem schon vorhandenen Sprach-schatz genommen oder sie wurden neu gebildet, dem deutschen Sprachtypusaber vollständig angepaßt. Dem Sinne nach sind die Neubildungen ziemlichgenau dem lateinischen Worte nachgeahmt, aber doch so, daß der deutscheSprachgeist nicht verletzt wurde, z. B. pquiuoci, uniuoci — gelihnämtg, ein-nämlg Cat. 1, 1 (Piper 1,368, 14 ff.), aequiuocus aber auch kenämmo Cat.I, 1 (Piper I, 367, 1 f.), Iohannes ünde aber iohannes sint kenämmen . i.hdbent keuchen ndtnen Cat. I, 1 (Piper ebda 23—25); pluriuoca — mänig-nämigiu Cat. I, 6 (Piper I, 371,16), diuersiuoca — missenämigia ebda (Piperebda Z. 18); Qualitatem — Uuioliclil Cat. III, 1 (Piper I, 449, lf.), qualitatesuuiollchina Cat. III, 9 (Piper I, 456, 27 t.). 1 ) Meistens behält aber Notker dielateinischen Begriffswörter auch im deutschen Text bei, so daß manchedieser Verdeutschungswörter nur ein- oder wenige Male vorkommen. — ImDeutschen machen diese Wendungen einen durchaus sinnfälligen Eindruckund es ist ja wohl anzunehmen, daß das abstrakte Denken Notkers undseiner Zeitgenossen noch nicht in bloß begrifflichen Formeln, sondern instark konkreten Formen sich bewegte.
Notker konnte aus innerer Fülle schöpfen. Ein Gedanke löste ihm nichtmechanisch auch immer nur den gleichen sprachlichen Ausdruck aus, er hatteverschiedene Formen dafür bereit. Er wechselt mit dem Wort, er gebrauchtSynonyma, daher die große Mannigfaltigkeit im Wortschatz innerhalb dereinzelnen Werke und im Verhältnis des einen zum andern. Manchmal auchzerlegt er an ein und derselben Stelle ein lateinisches Wort in zwei deutsche,sinngleiche, oder auch umgekehrt, er zieht zwei lateinische in ein deutscheszusammen.
Der Aufgabe, den Stoff klar und leicht faßlich darzustellen, entsprichtauch der Stil. 2 ) Der Sinn des Originals ist gewahrt, aber er ist sprachlichfrei wiedergegeben in einfachen Sätzen und mit deutlichen Worten. Einegetreue Nachbildung der gespreizten Rhetorenphrasen des Boethius undbesonders des Marcianus Capeila wäre im Deutschen unverständlich ge-wesen. Die Schwierigkeit für Notker bestand also bei jenen Werken darin,der Verschnörkelung die Ausschweifung zu benehmen, aus der gewundenenRede eine gerade zu machen.
So ist Notker der größte Sprachmeister unter den althochdeutschenSchriftstellern. Fast unbegreiflich scheint er uns in seiner sprachbildenden
') Viele Beispiele gibt Kelle, Die philo- I a ) Siehe bes. KöGEL a. a. O. und Nau-
soph. Kunstausdrücke S. 27 ff. | mann S. 60 ff.