B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 26. 95
Die Mehrzahl dieser Geschichtchen gehört zu jenem internationalenNovellenschatz der Wandersagen, die von Volk zu Volk gingen und dereneigentliche Heimat unbekannt ist. Viele sind Erbstücke des Spätrömertumsund wurden von den herumziehenden Mimen weiter getragen oder warenGemeingut der Klosterunterhaltungen; auch die Tierfabel hat beigesteuert.Andere auch sind deutschen und lokalen Ursprungs, Erfindungen des Augen-blicks, die doch eine stärkere Lebenskraft besaßen. Ihr Stoffgebiet ist dasweiteste. Es mußte nur etwas Interessantes sein, etwas Neues (novitas, no-vella) oder immer wieder aufs neue Gefallendes. Die Stimmung mochte ernstsein, viel beliebter aber war Scherz, Witz, Humor, Satire, die possierliche Über-treibung. Die Technik ist oft recht geschickt, besonders durch die Wirkung amSchluß, die Pointe, die dann auch einen moralisierenden Anstrich haben kann.
Althochdeutsche Erzählungen oder Schwanke sind nicht erhalten, abernicht gerade wenige lateinische, teils als selbständige Gedichte, teils alsProsastücke in historische Schriften eingefügt. Bekannte Typen treten auf:*)der Renommist (so ist Eishere beim Mönch von St. Gallen II, 12 der brama-basierende Krieger, der miles gloriosus; im Modus Liebinc werden Jagd-prahlereien erzählt, Aufschneidereien im 'Heriger' und in dem Gedichte 'DerPilz'); der betrogene Ehemann im Modus florum; der treue Freund in Lant-frid und Cobbo; die treuen Ehegatten in der Erzählung von Uodalrichund Wendelgart bei Ekkehard Kap. 84. Auf Volksglauben zurück geht derSchwank vom Schrat, einem Hauskobold, der einem Bischof seine Weinfässerauslaufen läßt (Mönch von St. Gallen I, 23); die Mäusesage, ursprünglich vonThietmar von Merseburg (VI, 30, a. 1012, Mon. Germ. Script. III, 830), voneinem räuberischen Ritter erzählt, später, am Anfang des vierzehnten Jahr-hunderts, auf den Bischof Hatto von Mainz übertragen und an den Mäuseturmbei Bingen angeknüpft und in dreizehn Fassungen in Deutschland, Dänemark,England, Frankreich und Polen erhalten (Liebrecht, Z. f. d. Mythologie undSittenkunde 2, 405—412 und Zur Volkskunde S. 1—16); endlich die Teufels-sagen (vgl. Mönch von St. Gallen I, 24). List und Schlauheit bilden dasergötzende Motiv in den schon genannten Spielmannssagen vom lombar-dischen Joculator und dem Lothringer Immo, woran sich 'Der umgewandteFisch' (Mönch von St. Gallen II, 6) und 'Die einbalsamierte Maus' anreihen. 2 )Ein Wunschding ist der Wunschbock, zur Klostersatire gehört die Geschichtevon Alverads Eselin und mehreres aus der Tierfabel.
B. Die Literaturdenkmäler.
1. Poetische Denkmäler.a) Stabreimdichtung.
Durch die Richtung, die die geistige Kultur in der althochdeutschenZeit einschlug, ist es bedingt, daß uns nur wenige Gedichte in der ger-
*) Mehrere der hier angegebenen Stücke I andernsinduntenbeiderlat.Dichtg.behandelt.finden sich bei Kögel, LG. 1, 245—252, die | 2 ) R. Köhler, Germ. 21,22 ff.