VORWORT
"^ie Arbeitsmethode ist für den Darsteller der althochdeutschen Literatur-■■—^ geschichte zufolge der Beschaffenheit des Stoffgebietes, das alle inalthochdeutscher Sprache abgefaßten Denkmäler einschließt ohne Rücksichtauf ihren künstlerischen Gehalt, genau vorgezeichnet: es ist die alle auf-klärenden Hilfsmittel benützende philologische Interpretation, die, mit derexakten Beobachtung der kleinsten sprachlichen Tatsachen, der Laute undWorte, beginnend, Schlüsse zieht auf Zeit und Heimat des Stückes, zu demVerfasser und den Entstehungsbedingungen seines Werkes, zur äußerenForm, die er ihm in Stil und Metrik gibt, zu den Gedanken, die er hinein-legt, fortschreitet, sich von der Einzelerscheinung zu den Geistesbestrebungendes ganzen Volkes ausweitet und schließlich aufsteigt zu den hohen Ideen,in denen der Menschheit sich das Ewige darstellt. Nur wenige Werke deralthochdeutschen Literatur enthalten solche umfassende Probleme und oftüberwiegt das sprachliche Interesse an sich schon die literarischen Fragen.Aber doch ist jedes althochdeutsche Denkmal ein Stück nationaler Kultur-entwicklung und darum, wenn auch noch so unscheinbar, ein ehrwürdigesVermächtnis unserer Vergangenheit.
Was wir von althochdeutscher Literatur besitzen, ist zum geringstenTeile aus der Volksseele hervorgegangen, ist überhaupt nicht der Aus-druck einer einheitlichen, durch bestimmte Anlagen charakterisierten Volks-individualität. Die Kluft zwischen dem alten, nationalen Empfinden undder neuen Lehre des Christentums wurde nicht, wie bei den Angelsachsen,überbrückt — nur die altsächsische Stabreimdichtung ist ein Ansatz dazu —,sondern unvermittelt standen sich die Ideale des Volkes und die von denGeistlichen verkündigten Heilsgrundsätze gegenüber. Die mißachtete Volks-dichtung wurde nicht durch die Schrift der Nachwelt überliefert, religiösenInhalts sind darum zumeist die uns erhaltenen Denkmäler und damit istder größte Teil unserer althochdeutschen Literatur ein Schößling der Theo-logie. Diese Tatsache muß für die Darstellung der althochdeutschen Literatur-geschichte maßgebend sein, sofern man sie überhaupt als eine Entwicklungs-stufe unserer Geistesgeschichte auffaßt. Auf ihren religiösen Gehalt hin sinddiese Denkmäler zu prüfen, denn in dem christlichen Glauben liegen ihregeistigen Grundbedingungen.