B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker iii. von St. Gallen. 445
weist (Ps. 28,11, Piper II, 92, 4 f.), worunter wohl Ratperts Gedicht (RatpertsLobgesang, s. oben S. 208—212) gemeint ist. Von besonderm Interesse fürdie deutsche Literaturgeschichte ist die Erwähnung Marcholfs, der mit denAussprüchen Salomos wettstreitet, in Hinsicht auf das mhd. Spruchgedichtvon Salomo und Markolf (Ps. 118,85, Piper II, 522, 20 f.). 1 )
Alle Übersetzungen sind gleichmäßig eingerichtet, Satz für Satz folgtauf den lateinischen der deutsche Text mit der Übersetzung bezw. Erklärung,welche oft durch daz chit eingeleitet wird.
Das Lateinische beherrschte Notker vollkommen, nur selten be-gegnet eine grammatische Unregelmäßigkeit, etwa in der Verbindung einesdeutschen Artikels mit einem lateinischen Substantiv andern Geschlechts,indem sich deutsches Sprachgefühl einmischte, z. B. amnis tili Boeth. II, 8(Piper 1,63,13), wobei ihm das deutsche Femininum aha vorschwebte; oderTili ornatus wegen eines sich assoziierenden deutschen tili zierda, ebda II, 7(Piper I, 59, 22). Griechisch verstand er nicht, die griechischen Worte hater aus seinen Quellen herübergenommen. Sie sind oft entstellt. Wie weitdiese und andere Irrtümer aber ihm oder schon seiner Vorlage zuzuschreibensind, entzieht sich der Beurteilung. 2 )
Was wir aber vor allem an Notker bewundern, das ist sein Sprach-sinn, das Gefühl, das richtige Wort, den passenden deutschen Ausdruck zutreffen für die Gedanken der fremden Sprache. Sicherheit und Klarheitwaren ja die Leitgedanken seiner wissenschaftlichen Arbeit und bildetendarum die Regeln für seine Sprache.
Der Satzbau ist korrekt und einfach, frei von der Steifheit der Inter-linearversionen. Die fremden Konstruktionen des Accusativus c. Infinitivo s )und des Ablativus absolutus 4 ) (bezw. deutsch gewendet: des Dativus ab-solutus) waren Notker, wie überhaupt den althochdeutschen Übersetzern,geläufige syntaktische Formen; er behandelt sie ohne weiteres wie deutscheSprachmittel, ja er bildet sie sogar auch selbständig ohne Vorgang des latei-nischen Textes.
Seine sprachliche Begabung liegt vor allem in dem Reichtum seinesWortschatzes. Nicht genügte ihm der allgemein gebräuchliche Wortvorrat,er mußte für neue Begriffe erst neue Worte schaffen. Und dazu besaß erauch die sprachbildende Kraft. Eine Menge philosophischer und rhetorischerKunstausdrücke hat er neu geschaffen mit den gegebenen wortbildendenMitteln der deutschen Sprache, 5 ) Am leichtesten bot sich das Abstrakt-
') Kelle, Die S. Galler Deutschen Schrif- 3 ) Erdmann, Syntax 1,209 f.; Wunder
ten S. 42 (246); Kelle, LG. 1,393. Aus denSprüchen Salomos und Markolfs (Saturnus)stammt auch das oben S. 377 angeführtedeutsche Sprichwort, MSD. II 3 , 135.
LICH, Syntax des Boethius S. 122 f.
4 ) J. Grimm. Gramm. 4, 903 f.; Erdmann2,260; Wunderlich S. 82 ff.
5 ) Kelle, Die philosophischen Kunst-
2 ) Wackernagel, Die ad. Hss. der Basler 1 ausdrücke und Die rhetorischen Kunstaus-Uni versitätsbibl. S. 9 Anm.; Kelle, LG. 1,252. drücke in Notkers Werken; Ida Fleischer,403 f.; Kelle, Die S. Galler Deutschen Schrif- ■ Die Wortbildung bei Notker.ten S. 39 (243) f.; Kögel, LG. 2,614.617.