B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker m. von St. Gallen. 443
briefe, Formulare, und zwar 2—5 für Schüler (Danksagungen und Bittenan Eltern und Lehrer), 6 ist ein Danksagungsschreiben eines Erwachsenenan seinen Wohltäter, 7 ein Bittbrief eines Ruodpert an seine carissimaneptis H. Der Name Ruodpert begegnet nur hier. Im dritten, vierten undsechsten Brief ist der Adressat mit R. bezeichnet. Auf den siebten Brief,den des Ruodpert, folgt ein achtes Stück, eine Sammlung von einzelnenlateinischen Wörtern bezw. Sätzen mit deutscher Übersetzung. Zu diesemachten Stück ersann Goldast (s. S. 242 Anm. 9), der St. Galler MagisterRuodpert (f 16. Juli 1022) habe die ganze Sammlung, einschließlich unseresStückes, abgefaßt, und fälschte zu diesem letztern einen Eingang in Brief-form. Seitdem hielt man bis in neuere Zeit auch dieses achte Stück füreinen von Ruodpert abgefaßten Brief. Tatsächlich 1 ) ist es nur eine .Schul-arbeit', deren Anfertiger nicht genannt ist, eine Sammlung von Sätzen, diezum Teil aus Notkers Schriften zusammengetragen sind, nämlich aus demMarc. Cap. (MSD. I 3 , 259 Z. 1—3), aus Boethius de consol. (Z. 4. 5) undaus der verlorenen Übersetzung von Boethius de Trinitate (Z. 6—8); zumandern Teil sind es Stellen aus der Bibel (Hebr. 12, 6 und Joh. 9, 31 =Z. 9 f., Apostelgesch. 8,33 = Z. 11 f.), liturgische Bemerkungen (Beda de offi-ciis = Z. 13f., Definition von vnanavxi) = Z. 15 [nur lateinisch, ohne deutscheÜbersetzung]), grammatische termini technici (Z. 16—23, meist aus derGrammatik des Donatus). Der deutsche Text ist in der Weise Notkers ge-halten, mit dessen Anlautsgesetz und Akzentuation.
Wie die vorangehenden sieben Briefe, so scheint auch diese Schul-arbeit ein Formular, ein Musterbeispiel gewesen zu sein, und zwar zu demZweck, Notkers Schulmethode darzulegen. Unterrichtsfragen können es sein,etwa wie in einer Prüfung, über einige wissenswerte Dinge aus den septemartes und der Theologie.
Die Hs. A ist nicht vollständig, sie bricht mitten im Satze ab. Jeden-falls fehlt auch der ursprüngliche Eingang, denn der erste überlieferte Satz(Z. 1—3), der eine Begründung enthält, setzt etwas zu Begründendes voraus.
Notkers Übersetzungskunst. 2 )
Notkers Lebensarbeit war der Schule gewidmet, seine Werke sindLehrmittel des Unterrichtspensums der septem artes. Dem praktisch-päd-agogischen Gedanken, den Stoff dem Schüler verständlicher zu machen,entsprangen seine Übersetzungen. Von da aus sind sie auch zu beurteilen.
Lehrbücher und Lehrmethode waren traditionell gegeben. Notker hattedaran nichts zu ändern. Seine Übersetzungsart ist somit, wie überhauptdie der altdeutschen Autoren, gebunden, von der Originalüberlieferung wirdnicht abgewichen, die Gedanken werden unverändert wiedergegeben. Aber
^MSD.II'^OöiBaechtold. Anm.S.22. j des ganzen Stückes richtig erklärt.Baechtold hat Z.f. d. A.31,189ff. die Fäl- I '-) Kogel, LG. 2, 613-626; Naumann
schung Goldasts aufgedeckt und den Inhalt ' S. 60—115.