438 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Im Wortschatz finden sich keine sichern Beziehungen zwischen denGlossen Ekkehards und den Psalmenglossen (gleich sind grano demo cherninPs. 77, 2 (S. 311) — Granatio chemo Ahd. Gl. II, 159,11; incantationemkerminot Ps. 13, 3 (S. 37) und incantantem den germenonten Ps. 57, 5(S. 218) — Incantat kerminot Gl. 11,40,6.
Ein tatsächlicher Beweis dafür, daß Ekkehard der Verfasser auch derInterlinearglossen der Psalmen gewesen, ist also aus der Sprache und Ortho-graphie nicht zu erbringen. Dafür ist schon das Material der von ihm er-haltenen Glossen zu gering. Aber auch die so zahlreichen lateinischenGlossen von Ekkehards eigener Hand müssen beigezogen werden. Wenndie einzelnen lateinischen Glossierungen auch nicht als unmittelbare Ver-gleichsobjekte mit den Psalmenglossen dienen können, so sind doch dieGrundsätze ihrer Anlage und die in ihnen sich äußernde geistige Eigenartfür die Frage der Autorschaft der deutschen Psalmenglossen zu berück-sichtigen.
Auch in den lateinischen Glossen zeigt sich eine ungewöhnliche Fähig-keit zur Synonymenbildung. Einzelheiten der Übersetzungsgrundsätze trifftman wie in den Psalmen, so auch in den lateinischen Glossen Ekkehards.Wörter werden zum syntaktischen Verständnis hinzugefügt: est in prädikats-losen Sätzen, Z. f. d. A. 14, 34, 1 u. ö.; nil sit dictum 53, 33; cum proculest mer menti 53,34 u. dergl. Appellativa werden durch Eigennamen ver-deutlicht: pelago durch Turicino 36,21, maris durch loci Potamici 36,27,prope riuum durch Steinaha 40,103 (ebenso der heimatlichen Umgebungentnommen die Glosse tiüregöuue in den Psalmen s. oben), martyris durchQalll 41, 129 u. ö., wie in verschiedenen der obigen Beispiele aus denPsalmen. Einzelne Parallelen sind: Acra Sion — arx summa in Hieru-salem Z. 14,61,13 gegen Syon höchwarta, wartpurch in den Psalmen;sponsus, sponsam erklärt durch Christus, ecclesia Z. 14, 67, 112 und oftin den Psalmen. Eine Untersuchung der lateinischen Glossen Ekkehardskönnte vielleicht ein endgültiges Ergebnis bringen.
Wenn auch durch die vorgebrachten Anhaltspunkte Ekkehard nicht mitSicherheit als Verfasser der Psalmenglossen erwiesen ist, so sprechen docherwägenswerte Gründe für ihn. Er war ja auch wie keiner der St. GallerGelehrten in die Schulpraxis und Übersetzertätigkeit Notkers eingeweiht, erbesaß wie keiner sonst die erforderliche sprachliche Übung. Mit der neuenKlosterordnung durch die cluniacensische Richtung hörte dann überhauptdie wissenschaftliche Tätigkeit in St. Gallen auf. 1 )
An die Psalmen unmittelbar angeschlossen sind die Cantica und diekatechetischen Stücke. 2 ) Die Cantica sind: 1. Canticum Esaiae prophetae
') Kelle, Die S. Galler Deutschen Schrif- I S. 295; Kelle, Die S. Galler Deutschen Schrif-ten S. 64 (268); Kelle, LG. 1, 262 f. I ten S. 22 (226) ff.; MSD. I 3 Nr. 79 u. II», 402
2 ) Hattemer 2,500—532; Piper 11,607 | bis 404 („Notkers Catechismus").bis 644; Wackernagel-Rieger, Ad. Predigten