432 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
aber doch ist er in der Auswahl frei und mit Kritik verfahren. Abweichendvon Augustin läßt er nicht immer erst auf den ganzen lateinischen Psalm-vers den Kommentar folgen, sondern oft werden die einzelnen Sätze derPsalmverse übersetzt und kommentiert, so daß diese Verse in einzelne Gliederzerlegt sind. Die Worte der Psalmverse sind meist ganz ins Deutsche über-tragen; oder sie sind nicht unmittelbar übersetzt, sondern in Kommentar-form gebracht, dann also in Mischprosa geschrieben. Der lateinische Psalmen-text ist die in die Vulgata aufgenommene Version des Hieronymus, dasPsalterium Gallicanum, jedoch mit Abweichungen, die zu Augustin undCassiodor, also zur Itala, stimmen. Der Wiener Notker hat die Italastellenmeistens durch die der Vulgata ersetzt. 1 )
Die Psalmenübersetzung diente, wie die andern Arbeiten Notkers, derSchule, dem Unterricht, nicht zu Predigtzwecken als Homüiensammlung. 2 )
Abweichend von allen anderen Handschriften Notkers haben die Ein-siedler (St. Galler) Hs. R und das Louberesche Manuskript R* Interlinear-glossen; auch die verlorene Hs. S besaß solche, denn drei Glossen ausderselben sind uns durch Marquard Freher und Melchior Goldast, vondenen uns kurze Auszüge aus S überliefert sind, erhalten. 3 ) Ein großerTeil der von Notker lateinisch gelassenen Wörter und Sätze ist über demText verdeutscht, viele sind aber auch unübersetzt geblieben. Die Glos-sierungen reichen nur bis Ps. 108, dann finden sie sich nur noch vereinzelt(Ps. 111.112.118 Vu.X[Cantica quindecim graduum, Piper II, 545—547] 129.138.141.144.146 [Canticum Deuteronomii, Piper 11,624]). Die Übersetzungensind, ganz in der Art der Interlinearversionen, wörtlich gemacht, aber dochmit einer gewissen Freiheit in der Wortstellung und mit Absicht auf leichtesVerständnis. Besondere Grundsätze bei der Wahl der glossierten Wörtersind nicht zu erkennen, aber jedenfalls tritt der Zweck, den lateinischenText klar zu machen, oft zutage. So werden verdeutlichende Wörter gegenden lateinischen Grundtext zugesetzt: in cantico Irfitia in sänge ist fröuuedaPs. 67,1 (Piper S. 252); discipulus min scuölare 34, 4 (S. 117); peccata dinesunda 38, 13 (S. 144); conscientiam in minero geuuisseni 68, 20 (S. 268);inimici dina figinda 79,5 (S. 329); ex c^ernitate 1133er dinero euuicheite91,9 (S. 389); supra quam potesüs ferre danne ir 13 irliden mügint 79,6(S. 329); occulta (erg. delicta) toägen sunda, aliena frömeda sunda 18,14(S.60); humanumgenus dlmanchunne76, 6 (S.308). Gegensätze werden durchZusetzung des antithetischen Wortes bestimmter gemacht: (Aber min) stultum-sapientius est hominibus unfruöti istuuisera mennisconfruöti 68,6 (S.265);Finis da3 ende des iiingere n79,10 (S. 330) gegenüber/» riom des alt rin79,\l.
] ) Ernst Henrici. Der lateinische Textin Notkers Psalmencommentar, Z. f. d. A. 23,217—258.
5 ) Die letztere Ansicht vertrat W. Wacker-nagel in seiner Literaturgeschichte l 2 , 106und in seinem von Max Rieger heraus-
gegebenen Buche .Altdeutsche Predigten undGebete', Basel 1876 S.323; darnach HEINZEL-Scherer S. XX; dagegen aber Henrici, DieQuellen Notkers S. 30—43; Kelle, LG. 1,246. 402.
3 ) Kelle, LG. 1, 273.411.