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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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430
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430 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

wodurch der Text außer den Psalmversen nun so gut wie ganz deutschist. Die neuen Verdeutschungen stimmen der Mehrzahl nach nicht mit denin Notkers Text über den Zeilen stehenden Glossierungen zusammen, son-dern sie weichen sehr oft davon ab, woraus zu schließen ist, daß dasOriginal von Y überhaupt keine Glossen hatte. Die bei Notker durch dieErklärung der einzelnen Sätze zerrissenen lateinischen Psalmverse sind jetztzu ganzen Versen hergestellt, so daß immer zuerst der lateinische Psalm-vers vollständig steht, dann die deutsche Erklärung ebenfalls zusammen-hängend folgt. Der lateinische Psalmtext ist überhaupt ein anderer als derin dem ursprünglichen Werke Notkers, aber die Wessobrunner Übersetzungfolgt trotzdem nicht ihrem neuen lateinischen Text, sondern dem altenNotkers. Aber alle die neuen Grundsätze sind keineswegs verständig durch-geführt, die Redaktion zeugt von Flüchtigkeit und Mangel an literarischerBildung.

Der Notkersche Text, welcher die Grundlage für die Bearbeitung Ybildete, stimmte nicht genau mit den andern uns erhaltenen Handschriftenvon Notkers Psalmen überein. An vielen Stellen hatte diese vorauszusetzendeNotker-Handschrift eine bessere Fassung als die auf uns gekommenen Hand-schriften.

Eine Abschrift von Notkers Psalter und seinem Job, also von seinenbeiden wichtigsten religiösen Werken, ließ sich die Kaiserin Gisela, die Ge-mahlin Konrads IL, anfertigen. 1 ) Das ist zu entnehmen einer Glosse in Ekke-hards IV. Liber Benedictionum: überZ.7f. des betr. Gedichtes steht Kisila im-peratrix opemm eins avidissima Psalterium ipsum et Job sibi exemplarisollicite fecit (Kelle, LG. 1, 394, Z. 16f.; Baechtold, LG. Anmerkungen S. 17Z. 16f.):Die Kaiserin Gisela, voll Verlangen nach seinen (Notkers) Werken,ließ sich angelegentlich eben den Psalter und den Job abschreiben." Dasgeschah wahrscheinlich bei jenem Besuche, den Gisela mit ihrem Sohne,dem nachmaligen Kaiser Heinrich III., im Jahr 1027 im Kloster St. Gallenmachte, von dem die Annales Sangallenses majores berichten (Mon. Germ.Script. 1,83). Freilich über alle Zweifel erhaben ist die Mitteilung Ekkehardswenigstens in dieser Form nicht. 2 )

Eine jüngere Umarbeitung von Notkers Psalmen aus dem 14. Jahr-hundert ist die Münchner Notkerhandschrift, Cgm. 12, aus dem Kollegiat-stift St. Nicolaus bei Passau. Sprache und Wortschatz sind in den Gebrauchdes 14. Jahrhunderts modernisiert, der Text, besonders in den gelehrtenTeilen, ist gekürzt. 3 )

') Dümmler, Z. f. d. A. 14,28 f.; Heinzel-Scherer, Wiener Notker S.XLVIIf.; Kelle,LQ. 1,264f. 408f. und 2,43; Kelle, Die S.Galler Deutschen Schriften S. 16 (220).

*) Heinzel a. a. O. stellt die Vermutungauf, diese für die Kaiserin Gisela gefertigteAbschrift sei die .populäre' Ausgabe ge-wesen, die Grundhandschrift der hier be-

sprochenen Wessobrunner Bearbeitung. Esist aber nicht wahrscheinlich, daß so baldnach Notkers Tode in seinem eigenen Klosterin Verkennung seiner hohen Ziele eine solcheVerderbung seines großen Werkes vorgenom-men worden sein sollte.

*) Proben daraus in Docens Miscellaneen1, 32 f.; J. Steffen, Ueber die Münchener