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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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418
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418 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Jahr 510 Konsul, dem Theodorich befreundet, dann aber wegen Verdachtseiner Verschwörung im Jahr 524 hingerichtet, wurde der Lehrmeister derLogik für das Mittelalter durch die Übersetzung der logischen Schriftendes Aristoteles. Aber diese Werke betrafen doch nur das beschränkte Ge-biet eines Wissenszweiges. Viel umfassender wirkte sein philosophischesWerk De consolatione Philosophiae. Es ist sein letztes Vermächtnis undseinGlaubensbekenntnis". Als echter Weiser hat er in den bangen Zwei-feln seiner Kerkerhaft, den Tod voraussehend, seine Tröstung in der Philo-sophie gefunden, in dem Bewußtsein, daß die Glückseligkeit nicht beruhein den vergänglichen irdischen Gütern, sondern daß Gott das höchste Gutist und das Ziel aller Dinge.

Boethius wird der letzte der römischen Philosophen genannt. Er warChrist, aber die Gedanken seines Trostwerkes zeigen nirgends christlicheFärbung. Nichts vom Dogma, von Askese, Wundern und Heiligenkult, derName Christi wird nie genannt. Heidnisch-klassisch ist die Vorstellungsweltmit ihrer antiken Mythologie und mit den gepriesenen Philosophen Plato,Aristoteles, Cicero, Seneca. Aber die hohen Ideen des Neuplatonismus undder römisch-stoischen Ethik, kommen sie den Christgläubigen nicht so ver-traut an? Auch hier ist das Irdische das Minderwertige, auch hier stehtGott an der Spitze aller Dinge und ist das alleinige Ende unseres Strebensund die Seele sehnt sich zu ihm, nach ihrer jenseitigen Heimat; auch hierder strenge Dualismus zwischen dem Guten und dem Bösen. Und wennnoch ein fataler heidnischer Rest dabei sein mag, wie leicht ist er durchdie allegorisch-symbolische Erklärung in das Kirchliche umzudeuten! Abereine höchst merkwürdige Erscheinung in der Geschichte der Ideen ist esdoch, daß dieses so klassisch empfundene, gar nicht von der kirchlichenTradition berührte Werk zu einer der Hauptschriften des christlichen Mittel-alters geworden ist, das nach den biblischen Büchern am meisten kommen-tiert wurde, zu der verbreitetsten Lektüre gehörte, in mehrere Volkssprachenüberging (ins Angelsächsische durch Alfred den Großen, ins Provenzalischeim 10. Jh.) und, mehr als dies alles, hervorragende Geister mit hohen Ge-danken befruchtete. Zu der universellen Bedeutung ist die Philosophie desBoethius gekommen, sobald man in ihr einen Ausdruck der christlichenWeltanschauung fand. Dies geschah, wie oben erwähnt, bei den irischenMönchen, besonders in den Schulen von Laon 1 ) und Lüttich, 2 ) bei denenüberhaupt das Studium der klassischen Literatur in großer Blüte stand..

Aber der tiefe, ethische Gehalt, wenn der Mensch die letzte Erhebungdarin findet, daß er sich Eins weiß mit der Gottheit, war es eigentlich garnicht einmal, was diesem Trostbuch seine Bedeutung verschaffte. Zu diesergelangte es durch die Gedankenform, in der es abgefaßt war. Der Forma-lismus der Begriffsbildung und Schlußfolgerungen machte es zu einem.

>) Manitius 1,502.525. | J ) Ebda S. 315.