B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker iii. von St. Gallen. 417
Hss.: B. Stiftsbibliothek zu St. Gallen 825,i) 842 S. toi., 10./11. Jh., ent-hält Notkers Übersetzung der Consolatio auf S. 4—271 (S. 272—274 sindleer), darauf Notkers Übersetzung der Kategorien auf S. 275—338, dannS. 339—342 ein Bruchstück eines lateinischen Synonymenwörterbuchs. DieHs. ist schon im Breviarium librorum des 9. Jhs. (Weidmann, Gesch. d. Bibl.von St. Gallen S. 398) und im Katalog von 1461 (ebda S. 413) verzeichnet.Im Boethius ist die Akzentuation am sorgfältigsten und am reichlichstendurchgeführt.
D. Bruchstück in der Züricher Stadtbibliothek 2) Nr. 121 (s. unten S. 440),ca. 5 Seiten, B1.49 v —51 v .
Als Grundlage für seine Übertragung nahm Notker die St. Galler Hs. 844der lateinischen Consolatio (Scherrer S. 287), was dadurch bewiesen wird,daß sein Text mit dem dieser Hs. Fehler, besonders aber den Prolog gemein-sam hat. 8 ) Die lateinischen Erklärungen jedoch stammen aus einem latei-nischen Kommentar zu der Consolatio. Sie finden sich auch in einer vonFroumund von Tegernsee geschriebenen Handschrift am Rande oderzwischen den Zeilen (Auf. des 11. Jhs., jetzt in der Fürstl. Öttingen-Waller-steinschen Bibliothek in Maihingen. 4 ) Notkers Kommentar und der Maihingergehen also auf ein und dasselbe lateinische Original zurück, aber Notkerhat einzelne Kapitel (75. 149. 151. 248) und auch umfangreiche rhetorisch-dialektische Erörterungen, die sich in der Maihinger Handschrift nichtfinden. 5 )
Es sind Bedenken erhoben worden, ob Notker das ganze Werk desBoethius bearbeitet habe (vgl. oben S. 412) oder nur die beiden ersten Bücher,während die folgenden von seinen Schülern verfaßt seien. Indessen ist dieSprache in Wortschatz und Syntax so einheitlich, daß an einem Autor nichtzu zweifeln ist.
Anicius Manlius Severinus Boethius, 6 ) geb. um 480, einer derhervorragendsten Männer in Rom zur Zeit Theodorichs des Großen, im
J ) Scherrer, Verzeichnis S.278 f.; Hat-temer 3,9 f. 376; Piper I S.V; Steinmeyer,Z. f. d. A. 17,449^164; Piper, Z. f. d. Phil. 13,305—316. 322—337.
2 ) Abgedruckt bei Piper, Z. f. d. Phil. 13,461—463, Lesarten bei Hattemer 3, 128bis 131.
s ) J. Kelle, Ueber die Grundlage, aufder Notkers Erklärung von Boethius De con-solatione philosophiae beruht, Münchner SB.1896, 349—356.
4 ) Zur Maihinger Boethius-Hs. des Frou-mund s. Ahd. Gl. 4, 400, ferner ebda 4, 317Anm. 6; Manitius 1,34.
5 ) Aug. Naaber, Die Quellen von Not-kers: „Boethius de consolatione philo-sophiae', Diss. Münster 1911; Sonnenburg■a. a. O. — Man wird nicht fehlgehen, wennman annimmt, daß Notker für die Erklärungenauch den Consolatio-Kommentar des Remigius
benutzt hat (Manitius 1,518; andere Kom-mentare in Eyssenhardts Ausgabe von DeConsolatione S. XXXXI ff.), denn er hat fürseinen Kommentar des Marcianus Capelladen des Remigius zugrunde gelegt undseine ganze wissenschaftliche Richtung stehtunter der Einwirkung des Remigius. DerBoethiuskommentar des Remigius ist ver-loren. [Nachtrag: Hans Naumann ist inseiner umsichtigen, erst nach Abschluß desObigen erschienenen Abhandlung: NotkersBoethius, Untersuchungen über Quellenund Stil, QF. 121, Straßburg 1913, zu demgleichen hier vorausgesetzten Ergebnis ge-langt]
6 ) Ebert 1,462 ff.; Manitius 1,22—36;Ueberweg-Heinze l 9 , 391. 393. 396 ff. 2 9 ,148 f.; TEUFFEL,Gesch.d. röm. Literatur, 6.Aufl.,Leipzig-Berlin 1913, Register unter BoethiusS. 558.
Deutsche Literaturgeschichte. L 27